Sonderschulen: Fit für uns alle

Kommentar3. November 2014, 18:07
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Der eine ist kurzsichtig, der Nächste hochintelligent, andere sind alkoholabhängig. Wir müssen behinderte Menschen nicht für unsere Gesellschaft fit machen, sondern die Gesellschaft fit für alle

Wir alle sind behindert. Der eine ist kurzsichtig, der Nächste hochintelligent, andere sind alkoholabhängig. Menschen haben unterschiedliche Fähigkeiten und Schwächen, die längst nicht nur das Privat- und Berufsleben beeinträchtigen, sondern auch das soziale Gefüge. Der Unterschied zu geistigen oder körperlichen Handicaps? "Unsere" Formen der Behinderung sind gesellschaftlich inkludiert.

Konsequent weitergedacht ist das, was wir unter Behinderung verstehen, nicht mehr als ein willkürlich geschaffener Sonderstatus. Besonders manifest wird dieser im Bildungsbereich. In einigen Bundesländern werden noch rund die Hälfte der Kinder mit Behinderung in Sonderschulen untergebracht. Wie ein Rechtsgutachten zeigt, verstößt Österreich damit gegen die vor sechs Jahren unterzeichnete UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung - und damit gegen Völkerrecht.

Es wäre billig, das System Sonderschule den betroffenen Bildungseinrichtungen vorzuwerfen und diese zu verteufeln. Das Thema Inklusion im Unterricht ist facettenreich: Es geht darum, geeignete Curricula aufzubauen, neue Lehrmaterialien zu entwickeln und Lehrer entsprechend auszubilden. Dafür braucht es eine breite politische Debatte - und die könnte man auch einmal anders führen: Wir müssen behinderte Menschen nicht für unsere Gesellschaft fit machen, sondern die Gesellschaft fit für uns alle. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 4.11.2014)

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