Die PKK pocht auf ihren Führungsanspruch

Analyse3. November 2014, 17:51
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Der nordirakische Kurdenpräsident Massud Barzani zwischen Ankara und Kurdensolidarität

Erbil/Wien - Schwere Geschütze gegen die Türkei fährt PKK-Chef Cemil Bayik in einem Interview auf, das STANDARD-Redakteur Michael Völker an einem geheimen Ort in den Kandil-Bergen im kurdischen Nordirak gab. Er erneuert die Vorwürfe, dass die Türkei den "Islamischen Staat" gegen die Kurden unterstützt - und dass sie die irakisch-kurdischen Peschmerga nur ins umkämpfte Kobane in Syrien durchgelassen hat, weil sie durch die Anwesenheit der Peschmerga im von den syrisch-kurdischen YPG-Milizen gehaltenen Kobane einen Keil zwischen die Kurden treiben will.

Das Keiltreiben ist Cemil Bayik jedoch selbst keine ganz unbekannte Tätigkeit - in diesem Fall wird der Präsident der erfolgreichen Kurdischen Regionalregierung in Erbil, Massud Barzani, der einen täglichen Eiertanz in seinen Beziehungen zur Türkei bewältigt, subtil desavouiert. Trotz der Präsenz der PKK im Nordirak - die immer wieder türkische Militäroperationen auslöst - und trotz des anfänglichen gewaltigen Misstrauens in Ankara gegen die nordirakische Kurdenautonomie hat es der gewiefte Politiker Barzani geschafft, zu den Türken stabile Beziehungen aufzubauen. Diese braucht er auch, um die kurdische Ölautonomie gegenüber Bagdad durchzusetzen, denn er exportiert kurdisches Öl über die Türkei.

Bayik stellt im Interview auch klar einen PKK-Führungsanspruch gegenüber Barzanis KDP: Die Organisationsfähigkeit der Kurden sei maßgeblich eine PKK-Leistung. Daraus könnte auch Angst sprechen, dass seine eigene Position - er gilt als einer der Radikalsten - durch die kurdisch-kurdische Annäherung geschwächt wird. Die PKK kann Barzani angesichts des Glanzes seiner Peschmerga in Kobane allerdings auch unter die Nase reiben, dass ihre Kämpfer es waren - nicht die Peschmerga -, auf deren Konto die Rettung der irakischen Jesiden von Sinjar ging.

Türkische Präsenz

Die Türkei hat über die Jahre immer wieder, gelegentlich auch mit Bodentruppen - etwa im Februar 2008 -, PKK-Stellungen im Nordirak angegriffen, wo die türkisch-kurdischen Kämpfer sich in den 1990er-Jahren vermehrt festsetzten. Das war die Zeit eines politischen Vakuums: Saddam Hussein war abgezogen, die nordirakischen Kurden zeitweise in ihrem Bürgerkrieg verstrickt.

Und Bagdad erlaubte der Türkei 1997, Militärbasen im Nordirak einzurichten. Sie waren auch nach Saddams Sturz ein Mittel, die irakische Souveränität im Nordirak zu betonen: 2008 etwa forderte das kurdische Parlament in Erbil deren Schließung, worauf die irakische Regierung klarmachte, dass diese Forderung nur Bagdad erheben könne. Typischerweise beschloss Bagdad gerade in der Zeit, als sich die Beziehungen zwischen Erbil und Ankara verbesserten, die Genehmigungen für die türkischen Militärbasen, wo sich damals etwa 2000 Mann aufhielten, nicht zu verlängern.

Das war im Oktober 2012, im November gab es prompt türkische Angriffe auf PKK-Stellungen im Nordirak - übrigens auch iranische auf die PJAK, den iranischen PKK-Ableger. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 4.11.2014)

  • Der Präsident der Kurdischen Regionalregierung in Erbil, Massud Barzani (Bild), konnte stabile Beziehungen zur Türkei aufbauen.
    foto: reuters/maja hitij

    Der Präsident der Kurdischen Regionalregierung in Erbil, Massud Barzani (Bild), konnte stabile Beziehungen zur Türkei aufbauen.

  • Von der türkischen Seite beobachten Kurden die Gefechte in Kobane. Dort kämpfen nun Peschmerga gemeinsam mit syrischen Kurden.
    foto: ap photo/vadim ghirda

    Von der türkischen Seite beobachten Kurden die Gefechte in Kobane. Dort kämpfen nun Peschmerga gemeinsam mit syrischen Kurden.

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