Allerheiligen im Allerheiligsten

3. November 2014, 17:27
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Daniel Barenboim und Karl-Heinz Schütz mit den Philharmonikern im Musikverein

Wien - Man kann sie als das Sanctissimum der Konzertzyklen der Stadt bezeichnen: die traditionsreichen Abonnementkonzerte der Wiener Philharmoniker, deren Subskription "nach 1918 als einziger noch verbliebener Adelsbrief galt", so Hilde Spiel. Als "Rituale der Tradition" beschrieb die österreichische Schriftstellerin die Konzerte, und Großkritiker Eduard Hanslick warnte schon 1869: "Speciell das Auditorium ist ein conservatives, das gegen Novitäten lebender Componisten sehr streng vorgeht."

Tempi passati? Als am Samstag die zwei kurzen Werke Mémoriale und ...explosante-fixe... originel von Pierre Boulez verklungen waren, wurde der brave Solist Karl-Heinz Schütz, Soloflötist der Staatsoper, dreimal zur Beifallsentgegennahme auf die Bühne des Musikvereinssaals gerufen. Zwischen den beiden Werken für Flöte und Ensemble hatte Dirigent Daniel Barenboim erläutert, das zweite sei als eine komplexere Variation des ersten zu verstehen.

Durfte man trotzdem enttäuscht sein über das lauwarme Dahingeplätscher im anämischen Mezzoforte? Die Flöte gab in Mémoriale den Kurs vor, ein achtköpfiges Ensemble folgte in ihrem motivischen Kielwasser. Bei ...explosante-fixe... originel kamen zwei Flöten als Schatten, zwei Handvoll Bläser und ein wenig Live-Elektronik dazu. Ja mei.

Da hatte Boulez' Livre pour cordes, mit dessen Fassung für Streichorchester das Konzert eröffnet wurde, mehr fasziniert: mit seiner komplexeren Machart, der gespenstisch-fahlen Atmosphäre. Boulez fächert hier den Stimmenverbund auf, das Streicherkollektiv war wie ein Fischschwarm, dessen Mitglieder mit filigraner Flinkheit aus dem Verbund ausscherten.

Mit Schuberts großer C-Dur-Symphonie schloss das Programm klassisch-frühromantisch. Weicher, behaglicher Kuschelsound erfreute Gemüt und Gehör; Drastik bei den Sforzati und einen Vitalitätsschub sparte sich Barenboim fürs Finale des Kopfsatzes auf. Von vornehmer Schlichtheit das Hauptthema des zweiten Satzes: Wie oft wiederholt es Schubert noch mal? Elegant - und doch mit physischer Präsenz - wurde das Scherzo getanzt; unerhört flink und vital dann der Finalsatz. Begeisterung zu Allerheiligen im Allerheiligsten. (Stefan Ender, DER STANDARD, 4.11.2014)

  • Daniel Barenboim konzertierte mit den Wiener Philharmonikern.
    foto: apa/neubauer

    Daniel Barenboim konzertierte mit den Wiener Philharmonikern.

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