Wir sehen doppelt

3. November 2014, 16:55
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Eine Art Overload zwischen Auge und Hirn, und man wird auf die schönste Art völlig kirre

Selbst im Zeitalter allgegenwärtiger digitaler Displays kann man manche Dinge wirklich nur im Kino erleben. Da verdreht es einem zum Beispiel buchstäblich die Augen: Der Blick des linken Auges wandert, an einer bestimmten Person hängend, mit dieser nach rechts. Und er müsste, um diesem Objekt auf der Leinwand weiter folgen zu können, irgendwann über die Blickachse des rechten Auges drüber. Das ist schon schwierig zu beschreiben - im Moment, da man es erlebt, erzeugt es aber eine Art Overload zwischen Auge und Hirn, und man wird auf die schönste Art völlig kirre.

Zu verdanken ist dies keinem Geringeren als dem bald 84-jährigen Jean-Luc Godard. Dieser hat mit Adieu au langage einen 3-D-Film gedreht, der dieses Verfahren auf sehr eigenwillige Weise einsetzt. Wie sein sympathischer Kameramann und Techniktüftler Fabrice Aragno im Anschluss an die Vorführung im Gartenbaukino erzählte, habe man sich zunächst einmal vom genormten Aufnahmeapparat verabschiedet und beispielsweise die beiden Kameras, die man zur Aufnahme braucht, voneinander getrennt, um dann während vier Jahren zu einem Ergebnis wie dem eingangs beschriebenen zu gelangen.

Eine Art Prototyp solcher Experimente war auch bei den Doppel- und Dreifachprojektionen im 16-mm-Programm zu erleben. Und sicher passiert es nur aufgrund solcher Grenzerfahrungen, dass man dann ins falsche Kino hechtet oder den Akkreditierungsausweis daheim vergisst. An dieser Stelle deshalb ein lang fälliger Dank an die hervorragenden Viennale-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter an den Kinokassen, die für derart Verwirrte Verständnis zeigen und stets eine Lösung finden. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 4.11.2014)

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