Die unerbittliche Menschenkennerin

3. November 2014, 16:49
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Die HBO-Miniserie "Olive Kitteridge" überzeugt auch als Vierstundenfilm im Kino

Dass das US-TV dem Hollywoodkino im Geschichtenerzählen den Rang abläuft, ist inzwischen ein Allgemeinplatz, der sich aber immer wieder als richtig erweist. Als Grund für diesen Umstand wird meist ins Treffen geführt, dass Drehbuchautoren und -autorinnen bei Serien mehr Gewicht zukommt - häufig fungieren sie auch als Produzenten - und dass diese im Fernsehen bezüglich der Gestaltung der Figuren und Inhalte weit größeren Spielraum haben.

In diesem Sinne äußerte sich nach der Vorführung bei den Filmfestspielen in Venedig auch jenes hochkarätige Team, das hinter Olive Kitteridge steht: allen voran Schauspielerin Frances McDormand, die die Filmrechte am gleichnamigen Episodenroman von Elizabeth Strout erworben hatte und anschließend die Drehbuchautorin Jane Anderson, die Regisseurin Lisa Cholodenko (The Kids Are All Right) oder Darsteller wie Richard Jenkins, Zoe Kazan oder Bill Murray für dieses "Herzensprojekt" gewann.

Olive Kitteridge, die Titelheldin, die McDormand verkörpert, ist in der Tat eine höchst eigenwillige Frauenfigur: nicht liebenswert, in einer Direktheit agierend, die ihre Mitmenschen in der kleinen New-England-Gemeinde, in der die Lehrerin und Apothekersgattin lebt, nicht selten vor den Kopf stößt. Und obwohl die aufmerksame Beobachterin Olive für deren Gefühlslagen (und Gefährdung) ein untrügliches Sensorium hat, hat sie zu ihrem einzigen Sohn eine alles andere als eine geglückte Beziehung.

Die vier Teile der vom Bezahlsender HBO produzierten Miniserie (Sky zeigt Anfang 2015) haben alle einen leicht unterschiedlichen Tonfall: Es beginnt als Komödie und wandelt sich immer mehr zum existenziellen Drama (zu dem die Figuren sich allerdings bevorzugt um den Esstisch zusammenfinden).

Olive Kitteridge, den seine Macherinnen zu Recht (auch) als Vierstundenfilm sehen wollen, erstreckt sich über fünfundzwanzig Jahre. Die Geschichte ist nicht chronologisch erzählt und auch nicht vollständig. Zeitsprünge lassen Olives Veränderung, etwa ihren Autonomieanspruch, der sich zu bösem Starrsinn wandelt, umso deutlicher hervortreten. Schließlich handelt es sich auch um ein Frauenporträt, das man in diesem Facettenreichtum nicht nur in diesem Kinojahrgang tatsächlich lange suchen muss. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 4.11.2014)

4. 11., Gartenbau, 15.30 (Teil 1 & 2), 18.00 (Teil 3 & 4) - Eintritt frei, Zählkarten ab 14.30 im Kino erhältlich

  • Leinwandpaar: Frances McDormand und Richard Jenkins.
    foto: viennale

    Leinwandpaar: Frances McDormand und Richard Jenkins.

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