Kulturkampf im Kindergarten

3. November 2014, 16:39
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Der israelische Regisseur Nadav Lapid erzählt in seinem zweiten Spielfilm "Haganenet / The Kindergarten Teacher" vom einsamen Feldzug einer Pädagogin für das Wahre, Schöne und Gute, die die eigenen Ideale missachtet

Es ist Mittagsschläfchenzeit. Während die anderen Kinder auf ihren Matten dösen, wird Yoav von seiner Kindergärtnerin Nira aufgeweckt und auf die Veranda geführt. Dort hebt Nira den Fünfjährigen auf Augenhöhe, um ihm zu zeigen, aus welcher Perspektive Erwachsene die Welt sehen. Anschließend geht es hinunter, auf alle viere: So sehen Katzen die Welt. Yoav ist von dieser Art Anschauungsunterricht nur mäßig beeindruckt. "Kann ich jetzt wieder schlafen gehen?", fragt er, um gleich wieder Richtung Matratze zu stapfen. Doch Nira wird nicht aufgeben, dem Buben ihre spezielle Förderung zukommen zu lassen. Ganz im Gegenteil.

Haganenet (The Kindergarten Teacher), der zweite Langspielfilm des israelischen Filmemachers Nadav Lapid (Hashoter), erzählt von einer Beziehung zwischen Pädagogin und Schützling, die bald die Grenzen der Vernunft und des Erlaubten überschreitet. Nira (Sarit Larry), nach dem Flüggewerden ihrer eigenen Kinder an einem Scheideweg, ist der festen Überzeugung, dass es sich bei dem extrem introvertierten Yoav (Avi Shnaidman) um einen dichterisch Höchstbegabten handelt.

Vermeintliches Wunderkind

Scheinbar aus dem Nichts deklamiert der Kleine alle paar Tage Verse, die so gar nicht zu einem Fünfjährigen passen wollen. Nira, die selbst seit kurzer Zeit einen Dichtkurs besucht, beschließt, das vermeintliche Wunderkind in einer Welt zu fördern, die für brotlose Poesie nichts mehr übrig hat.

Wie Yoav den Ereignissen selbst gegenübersteht, lässt sich von seinem meist ausdruckslosen Gesicht nie ablesen. Von Beginn haftet ihm etwas Unheimliches und Undurchdringliches an. Nira, zunächst als Abbild stiller Güte eingefangen, wird erst infolge ihrer Handlungen von allem, was klar und nachvollziehbar ist, entrückt.

Mit der Kamera oft auf Kindskopfhöhe, dann wieder direkt an ein Erwachsenengesicht geheftet und etwa durch Zusammenstöße mit den Darstellern auch als filmendes Objekt wahrnehmbar, so spiegelt Lapid die Bestrebungen Niras, Yoav neue Blickwinkel zu eröffnen (der Regisseur lässt übrigens teilweise Gedichte rezitieren, die er als Kind verfasste).

Zugleich betonen die wechselnden Perspektiven den künstlichen und künstlerischen Charakter eines Films, der einerseits für eine in Opposition zur materialistisch geprägten Gegenwart gebrachte Kunst Stellung bezieht, der aber auch die Gefahren dieses Kampfes aufzeigt. In ihrem Feldzug für das Wahre, Schöne und Gute macht sich Nira all dessen schuldig, was sie selbst anprangert. Haganenet berichtet von einem Krieg, der allem Anschein nach nicht gewonnen werden kann. (Dorian Waller, DER STANDARD, 4.11.2014)

5. 11., Urania, 20.30

6. 11., Metro, 13.00

  • Eine Beziehung, die bald die Grenzen der Vernunft und des Erlaubten überschreitet: die wohlmeinende Kindergartenpädagogin Nira (Sarit Larry) und ihr verschlossener Schützling Yoav (Avi Shnaidman).
    foto: viennale

    Eine Beziehung, die bald die Grenzen der Vernunft und des Erlaubten überschreitet: die wohlmeinende Kindergartenpädagogin Nira (Sarit Larry) und ihr verschlossener Schützling Yoav (Avi Shnaidman).


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