Viennale-Blog: Die Realität des Films

Blog4. November 2014, 11:23
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Über die Realitätsbeschwörungen in Nils Malmros "Sorg og Glaede" oder die Frage ob es wichtig ist, ob ein Film wahr ist oder nicht

Der Film war stark, er hat mich umfangen und ich habe mit den Gestalten vibriert. Dann geht das Licht an und der Regisseur erklärt: das alles sei genauso gewesen, diese Geschichte sei wahr. Ich bin plötzlich ganz ungerührt, fühle mich aus der Bahn geworfen. Das Ereignis ist verpufft und es steht einzig noch die Frage im Raum, ob das Projizierte einer vorgeblich vorausliegenden Wirklichkeit entspricht oder nicht.

Totes Abbild oder lebendiges Ereignis

Was ist denn die Wahrheit eines Bildes, einer Geschichte, eines Films? Besteht die stets darin, dass das Dargestellte mit einem Faktum übereinstimmt, das ihm jenseitig ist? Ist es häufig nicht gerade umgekehrt: dass nämlich das nach einem überkommenen Schema gefertigte Abbild gar nichts mehr sagt, keinerlei Sinn mehr erschließt, wohingegen die Ordnung, in die eine (auch frei erfundene) Darstellung führt, ein lebendiges Verhältnis zu dem aufkommen lässt, was man Wirklichkeit nennen kann (will)? Nicht ein Abbildungsverhältnis ist da die Wahrheit, sondern ein Geschehen, dass sich durch die Weise ergibt, in der man auf die Darstellungsform reagiert.

Gehalt durch den Nachvollzug

Der Film Sorg og Glaede (Joy and Sorrow) erzählt, wie ein Mann seiner psychisch kranken Frau eine furchtbare Tat vergeben konnte, noch bevor sie diese überhaupt begangen hat. Und die Weise, in der diese Erzählung ausgebreitet wird, macht eine Wirklichkeit auf, die ganz einfach für sich selber spricht. Man erkennt das Geschehen als menschliche Realität an, weil man die Folge der Bilder nachempfinden kann; nicht weil einem der Regisseur versichert, dies würde sich alles genauso zugetragen haben. Dass er selbst dergleichen erlebt hat, mag vielleicht der Grund sein, weshalb er einen so berührenden Film schaffen konnte. Doch die Bekräftigung, dass dem so sei, hat bei mir die Wirkung eher geschwächt als verstärkt. (Franz Schörkhuber, derStandard, 3.11.2014)

Franz Schörkhuber arbeitet an einer Dissertation mit dem Titel 'Formbewusstsein und retardierendes Philosophieren'.

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    foto: viennale
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