Kansas: Die Angst der Republikaner vor dem dritten Mann

3. November 2014, 15:40
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Selbst weder Demokrat noch Republikaner, liegt Greg Orman in vielen Umfragen zur US-Senatswahl vorn

Am 4. November dürften die Stoßgebete so manchen US-Republikaners dem Wahlgang in Kansas gewidmet sein. Insgesamt 36 der 100 Sitze werden am Dienstag neu gewählt, die Republikaner müssen sechs davon dazugewinnen, um die Mehrheit in der Kammer zu erlangen. Bis zuletzt standen die Chancen gut, dass ihnen dies gelingt.

Dass die Konservativen ausgerechnet um den Sunflower State zittern müssen, schien vor einigen Monaten noch gänzlich ausgeschlossen. Seit 1939 sind beide Senatssitze des konservativen 2,8-Millionen-Einwohner-Staats in der geografischen Mitte der USA fest in republikanischer Hand. Und doch dürfte Kansas entscheidende Bedeutung zukommen.

Die Spannung ist weniger den angeschlagenen Demokraten um Präsident Barack Obama geschuldet als einer bisher gänzlich unbekannten Größe: Greg Orman (45), Geschäftsmann, früher Bewunderer des Republikaners Ronald Reagan, danach Unterstützer von Barack Obama, heute parteifrei. Die meisten Umfragen sehen den telegenen Orman seit Wochen konstant vor dem republikanischen Amtsinhaber Pat Roberts (78), der seit 1980 in Washington mitmischt. Und den Orman als prototypischen Vertreter des Parteienhickhacks darstellt, das die USA seiner Ansicht nach lähmt.

foto: ap photo/orlin wagner

Unabhängige sind im Rennen um die Parlamentssitze in den USA keine Seltenheit - dass ihnen ein Sieg über die Parteiapparate von Demokraten und Republikanern zugetraut wird, hingegen schon. Spätestens im September nahm eine breitere Öffentlichkeit von Orman Notiz, als Roberts' demokratischer Herausforderer die Segel strich und den Weg für den dritten Mann freimachte.

Kampf gegen den Stillstand

Orman, der an der Eliteschmiede Princeton studierte und nach einer Karriere als Unternehmensberater sein Vermögen als Investor machte, tritt mit dem Anspruch eines unabhängigen Problemlösers an, der das Parteiengeplänkel hinter sich lassen will und dem Stillstand den Kampf angesagt hat. Er sei der größte Albtraum beider Parteien, ließ Orman verlauten und machte keinen Hehl daraus, dass er um Frustrierte aus beiden Lagern wirbt. Selbst bezeichnet er sich als fiskalkonservativ, also in Budgetangelegenheiten eher den Republikanern nahestehend, und sozialliberal, was ihn bei Gesellschaftsthemen zu den Demokraten tendieren lässt.

Seine früheren Geschäftsbeziehungen mit einem wegen Insiderhandels verurteilten Partner stehen im Mittelpunkt der Anti-Orman-Kampagne, zu der Amtsinhaber Roberts jüngst Parteiprominenz wie den greisen Ex-Präsidentschaftskandidaten Bob Dole nach Kansas karren ließ. "Eine Stimme für Orman ist eine Stimme für Obama", warnte Roberts bei einem Wahlkampfauftritt vor Abtreibungsgegnern.

"Ich vertrete weder die Demokraten noch die Republikaner, ich vertrete nur Kansas", ließ der Angesprochene Journalisten in Abwandlung des berühmten Obama-Zitats unlängst wissen. Sein Fischen in beiden Teichen lässt seine inhaltliche Positionierung mitunter aber wenig zugespitzt wirken. Orman, der mehr als die Hälfte seines knapp drei Millionen Dollar teuren Wahlkampfs aus eigener Tasche finanzierte, findet in Interviews warme Worte für Obamas Gesundheitsreform, hält sie aber für ineffizient. Er spricht den Gegnern staatlicher Bankenrettung das Wort, wehrt sich aber gegen striktere Auflagen für die Geldinstitute. Orman nennt solcherlei Flexibilität Unabhängigkeit, Kritiker halten sie für Opportunismus.

Zünglein an der Waage

Gewinnt Orman tatsächlich einen Sitz im Senat, könnte seine Stimme zum Zünglein an der Waage werden. Er wolle sich bei den Abstimmungen jener Partei anschließen, die über die Mehrheit im Senat verfügt. Holen die Republikaner aber eine denkbar knappe Mehrheit von 50 zu 49 Sitzen und Orman stimmt mit den Demokraten, wäre die Mehrheit dank Vizepräsident Joe Biden, der als Vorsitzender des Senats auch über eine Stimme verfügt, dahin. Und die Republikaner hätten ihr Etappenziel auf dem Weg ins Weiße Haus verfehlt. (flon, derStandard.at, 3.11.2014)

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