Orest ohne Obdach: Wahn in der Wartehalle

3. November 2014, 06:44
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Manfred Trojahns Musiktheater "Orest" wird von der Neuen Oper Wien im Museumsquartier gezeigt: Die antiken Tragöden übersetzt Regisseur Philipp M. Krenn in Figuren aus dem Hier und Heute

Wien - Es ist mutig, wenn sich ein Komponist heutzutage den Stoff für eine Oper aus dem weiten, blutgetränkten Mantel der griechischen Mythologie schneidet. Ist dieser nach zweieinhalb Jahrtausenden Theater- und vier Jahrhunderten Operngeschichte nicht schon etwas zerschlissen und in seiner exaltierten Machart auch aus der Mode gekommen?

Könnte man meinen. Doch Manfred Trojahn ist mit seiner düsteren Schreckensoper Orest, die 2011 in Amsterdam erstmals gezeigt wurde, auf euphorische Resonanz gestoßen: Die großen deutschen Blätter jubelten, die Zeitschrift Opernwelt hatte in der sechsten Oper des 65-jährigen Komponisten die "Uraufführung des Jahres" gefunden. Nun hat Walter Kobéra, Langzeitleiter der famosen Neuen Oper Wien, die Musiktragödie nach Wien geholt.

Auf der Bühne der Halle E im Museumsquartier sieht man eine schön-schäbige Wartehalle, die von grauen, zerknitterten, apathischen Anzugmenschen bevölkert wird (Ausstattung: Nikolaus Webern). Orest geht es gar nicht gut. Der Obdachlose scheint in dieser Wartehalle nicht zu warten, sondern zu wohnen, und er hört Stimmen, sie erinnern ihn an den Mord seiner Mutter Klytämnestra.

Trojahn koppelt hier sechs hohe Frauenstimmen mit sechs Violinen: Sie schmerzen Ohr und Seele des Artridensprosses - und des Zuhörers. "Mutter, warum quälst du mich und tötest du mich nicht?", klagt Orest im klassisch-kargen, vom Komponisten selbst verfassten Libretto. Und stellt später fest: "Ich liebte sie doch!" Der finale Wunsch des zum Morden Verdammten: "Ich will ins Helle!" Große griechische Tragödienkost.

Große tragische Oper gelingt Trojahn auch im Orchestergraben: ein Hexenkessel der Emotionen, Schlangengrube des Wahns, Echoraum des Schreckens; in seltenen ruhigen Passagen webt der Deutsche zarte Schleier des Grauens. In den vielschichtigen, hochexpressiven, in der Nachfolge von Richard Strauss und Alban Berg stehenden Stimmungsschilderungen vertraut der Düsseldorfer Kompositionsprofessor zumeist den guten alten zwölf Halbtönen und instrumentiert sein Stimmenmaterial zudem exzellent.

Sinnliche (Stimm-)Kurven

Den Sängerinnen und Sängern mutet Trojahn einiges zu: Orests Tante, die schöne Helena (traumhaft Jennifer Davidson), singt Kantilenen, deren sinnliche Kurven ihrer Physis entsprechen. Helenas Tochter Hermione (präzis Avelyn Francis) teilt sich den Luftraum mit der Piccoloflöte, Apollon und Dionysos (geschmeidig-leise Gernot Heinrich) haben ebenfalls in höchsten Höhen zu schwelgen. Elektra, Orests racheaffine Schwester (Jolene McCleland), ist eher für eckige Drastik zuständig, Onkel Menelaos (kraftvoll Dan Chamandy) darf Macht verströmen. Und Klemens Sandner leidet als Orest kraftvoll und intensiv.

Regisseur Philipp M. Krenn zeichnet glaubhafte Figuren aus dem Hier und Heute, nur Apollon/Dionysos ist zu sehr an Heath Ledgers Joker angelehnt. Schön die Kostüme: der pfirsichfarbene Textiltraum Helenas, Elektras Jeansoutfit. Kobéra gelingt mit dem Âmadeus Ensemble eine packende Umsetzung der komplexen Partitur. Toll. (Stefan Ender, DER STANDARD, 3.11.2014)

3. und 4. 11.

  • Schon etwas abgewohnt ist die Wartehalle (Bühne: Nikolaus Webern), vor der Menelaos (Dan Chamandy, li.) und sein von Stimmen gequälter Neffe Orest (Klemens Sander) aufeinandertreffen.
    foto: armin bardel

    Schon etwas abgewohnt ist die Wartehalle (Bühne: Nikolaus Webern), vor der Menelaos (Dan Chamandy, li.) und sein von Stimmen gequälter Neffe Orest (Klemens Sander) aufeinandertreffen.

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