Ein fragiles Gebilde namens Austria

2. November 2014, 18:01
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Sturm Graz zerstörte mit einem 3:0 in der Generali Arena das zarte Pflänzchen Hoffnung, das bei der Austria spross

Wien - Thomas Parits bleibt in seiner letzten Saison als Sportvorstand der Wiener Austria wenig erspart. Das 0:3 im Heimspiel gegen Sturm Graz hat der 68-Jährigen jedoch versäumt. Der Burgenländer wäre am Samstagabend trotz allem vermutlich lieber in der Generali Arena gewesen als mit einer schweren Grippe im Bett. Er hätte die Pfiffe und Buhrufe, ja den Spott der Fans natürlich auch auf sich bezogen, aber, ganz seiner Art gemäß, wie ein Gentleman ertragen.

Parits trägt besonders schwer an der derzeitigen Unform der Austria, ist doch das handelnde Personal nicht zuletzt nach seinem Willen am Werk, allen voran Coach Gerald Baumgartner (49). Der hatte vor den vergangenen drei Partien - daheim gegen Wr. Neustadt (2:0), im Cup bei Hartberg (6:0) und gegen Sturm - eine Woche der Wahrheit ausgerufen.

Nun, die Wahrheit ist, dass die Austria ein fragiles Gebilde darstellt, jederzeit vom Zusammenbruch bedroht. Nach dem 0:1 gegen die Grazer durch den Treffer des Ex-Austrianers Marko Stankovic war es wieder so weit. Dass Stankovic knapp im Abseits gestanden haben könnte, tat dem folgenden Zusammenbruch quasi keinen Abbruch.

"Wir haben uns mit individuellen Fehlern selbst auf die Verliererstraße gebracht. Wir haben offensichtlich zu wenige Typen in der Mannschaft, die solche Spiele dann noch drehen können", sagte Baumgartner, der wie schon sein Vorvorgänger Nenad Bjelica immer öfter die Fehler auch öffentlich bei den Spielern sucht.

Beim Kroaten war das der Anfang vom Ende gewesen, ungeachtet der erstmaligen Teilnahme an der Gruppenphase der Champions League, die - man lese und staune - tatsächlich erst ein Jahr her ist und, wie kürzlich bekannt wurde, für einen neuen Umsatzrekord verantwortlich zeichnete.

Am Samstag bauten Marco Meilinger und Thomas Salamon nicht das Spiel der Austria, sondern jenes von Sturm auf. Dafür kann der Trainer tatsächlich nichts, weshalb Finanzvorstand Markus Kraetschmer bei seinen Analysen stets auch die Mannschaft miteinbezieht. "Es war wieder ein Nackenschlag, weil wir gehofft hatten, in der richtigen Spur zu sein", sagte der 42-Jährige nach einer "schlaflosen Nacht". Doppelt bitter sei, dass eine durchaus nicht billige Mannschaft nach einem Gegentor derart einbreche.

Dem geschäftsimmanenten Reflex, Heil im Unheil für die sportliche Führung zu suchen, will Kraetschmer weiter nicht nachgeben. "Das wäre nicht fair. Es hat schließlich auch ein Umbruch stattgefunden. Allerdings sind wir mit dem angekündigten Systemwechsel noch nicht so weit, wie wir zu diesem Zeitpunkt zu sein hofften."

Bis zur Winterpause stehen, beginnend mit dem Derby bei Rapid am Sonntag, noch fünf Spiele aus. In diesen sechs Wochen werde nichts passieren. "In der Winterpause ist dann die Zeit, Schlüsse zu ziehen." In der Jänner-Transferperiode wird die Austria tätig sein, "aber nicht, um den Kader aufzublähen". Ein Gehen und Kommen also.

Fakt sei allerdings, dass sich der Verein noch eine Saison ohne europäische Aufgaben nicht leisten kann. "Wenn das passiert, könnten wir das derzeitige Budgetniveau nicht halten", sagt Kraetschmer. Völlig zu schweigen von Coach Baumgartner. (lü - DER STANDARD, 3.11.2014)

  • Gerald Baumgartner (links) war nicht Thomas Parits' Erfindung, aber der Sportvorstand hat sich für den Salzburger starkgemacht.
    foto: apa/fohringer

    Gerald Baumgartner (links) war nicht Thomas Parits' Erfindung, aber der Sportvorstand hat sich für den Salzburger starkgemacht.

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