"Wir ignorieren 50 Prozent der Menschheit"

Interview3. November 2014, 07:00
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Um Konflikte zu verhindern, müssen Frauen stärker in Friedensprozesse eingebunden werden, sagt der langjährige UN-Diplomat Anwarul K. Chowdhury

In Wien finden am Montag mehrere internationale Konferenzen statt, eine davon beschäftigt sich auch mit der Situation von Frauen in Friedensprozessen und im Sicherheitsbereich. Im Oktober 2000 wurde im UN-Sicherheitsrat die Resolution 1325 verabschiedet, in der zum ersten Mal die Rolle und der Beitrag von Frauen im Bereich Krisenprävention und Friedenssicherung anerkannt wurde. Der Sicherheitsrat hat dazu aufgefordert, dass alle 143 UN-Mitgliedsstaaten einen nationalen Aktionsplan ausarbeiten sollen, wie diese Resolution umgesetzt wird. Aber nur 47 Länder haben bisher darauf reagiert. Im kommenden Jahr soll es einen Fortschrittsbericht geben.

Zweitägiges Symposium

Das Thema stärker in den Mittelpunkt zu rücken und Empfehlungen abzugeben, ist das Ziel eines zweitägigen Symposiums mit dem Titel "Enhancing women´s share in peace and security". Zum Auftakt gibt es um 18 Uhr im Parlament eine öffentliche Diskussion. Teilnehmen werden unter anderem die stellvertretende UN-Frauenchefin Lakshmi Puri, der Mitinitiator der Resolution 1325, Anwarul K. Chowdhury, die Palästinenser-Vertreterin Hanan Ashrawi, die frühere österreichische Außenministerin Ursula Plassnik und die seit einem Attentat im Rollstuhl sitzende libanesische Journalistin May Chidiac.

Am Dienstag werden Themen wie eine geschlechtsspezifische Perspektiven bei Krisenmanagement, Konfliktanalysen und der Rolle von Frauen in Friedensgesprächen und in Medien erörtert. Am Schluss sollen Empfehlungen formuliert werden, wie Frauen stärker in Friedensprozessen eingebunden werden können. Ob ein Vorschlag für eine 50-Prozent-Quote für die Repräsentanz von Frauen bei allen Aktivitäten der Konfliktprävention und in Verhandlungsteams in Wien verabschiedet wird, ist offen. Eine der diskutierten Varianten ist auch ein Zeitrahmen bis 2020 zur Umsetzung.

Im Interview fordert Chowdhury eine stärkere Einbindung von Frauen in Friedensprozessen und bei der Verhinderung von Konflikten.

STANDARD: Es gibt derzeit mehr Krisen und Kriege als jemals zuvor. Hätte denn irgendeiner dieser Konflikte verhindert werden können, wenn Frauen eine größere Rolle gespielt hätten?

Chowdhury: Die präventive Rolle von Frauen sollte in einem langfristigeren Zusammenhang gesehen werden. Weil Frauen in Postkonfliktsituationen zu wenig Mitsprache haben, brechen Konflikte wieder auf. Wenn Männer Friedensverträge verhandeln, geht es um Machtteilung. Sie denken an ihre eigene Position in der neuen Struktur. Frauen denken an das, was langfristig im Interesse der Gesellschaft ist. Die Gestalt des Justizsystems, die legislativen Strukturen, Gesundheitsfragen, Menschenrechte, Armutsbekämpfung - alle diese Aspekte spielen beim Wiederaufflammen von Konflikten eine Rolle. Frauen sollten in Friedensprozessen gleichberechtigt vertreten sein.

STANDARD: Apropos gleichberechtigt: Aufseiten der Kurden kämpfen Frauen gleichberechtigt gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Gehört das auch dazu?

Chowdhury: Wir wollen nicht, dass Frauen gleichberechtigte Teilnehmer in Kriegen werden. Wir wollen durch Gleichberechtigung das Ende von Krieg und Konflikten erreichen. Männer scheitern schon so lange daran.

STANDARD: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Rolle der Frau in islamischen Ländern und dem Erstarken des radikalen Islamismus?

Chowdhury: Extremismus existiert in allen Gesellschaften und in allen Religionen. Keine Gesellschaft auf der ganzen Welt hat die Gleichberechtigung von Frauen in ihrer vollen Bedeutung erreicht.

STANDARD: Die Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrats von Oktober 2000, die Sie mitinitiiert haben, sieht vor, Frauen gleichberechtigt in Friedensprozesse einzubinden. Wie bewerten Sie die Fortschritte seitdem?

Chowdhury: Ich persönlich bin nicht sehr ermutigt von den Fortschritten in der Umsetzung. Der Sicherheitsrat hat dazu aufgefordert, dass jeder der 193 UN-Mitgliedstaaten einen nationalen Aktionsplan ausarbeiten soll, der ausführt, wie die Resolution 1325 umgesetzt werden soll. In der vergangenen Woche waren es ganze 47 Länder, die einen solchen Plan vorbereitet hatten. Das ist ein sehr bedrückendes Ergebnis. Da sollten die Vereinten Nationen die Initiative ergreifen. Der Generalsekretär kann sehr viel tun. Wir sprechen hier von 50 Prozent der Menschheit, die wir ignorieren. (Julia Raabe, DER STANDARD, 3.11.2014)

Anwarul K. Chowdhury (71) hat eine lange diplomatische Karriere hinter sich. Er war Botschafter Bangladeschs bei der Uno in New York sowie UN-Untergeneralsekretär und Sonderbeauftragter für die am wenigsten entwickelten Länder. Er gilt als Mitinitiator der UN-Resolution 1325 zu Frauen in Konflikten und engagiert sich bis heute dafür. Heute, Montag, nimmt er ab 18 Uhr im Parlament in Wien an einer Diskussionsrunde mit dem Titel "Enhancing women's share in peace and security" teil.

  • "Wenn Männer Friedensverträge verhandeln, geht es um Machtteilung. Frauen denken an das, was langfristig im Interesse der Gesellschaft ist."
    foto: privat

    "Wenn Männer Friedensverträge verhandeln, geht es um Machtteilung. Frauen denken an das, was langfristig im Interesse der Gesellschaft ist."

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