Auftrag: Bürokratie durcheinanderzubringen

Kommentar der anderen2. November 2014, 17:00
29 Postings

Beauftragte stehen außerhalb bürokratischer Strukturen und können am Dienstweg vorbei agieren. Stabsstellen sind schnell eingerichtet und wieder aufgelöst. Eine Replik auf Roman David-Freihsls Essay "Heimat bist du vieler Beauftragter"

Wir sind die Borg. Sie werden assimiliert werden. Widerstand ist zwecklos." So begrüßen die Borg in der Science-Fiction-Serie Star Trek ihre Opfer, kurz bevor sie diese assimilieren. Was harmlos klingt, bedeutet für die solcherart Assimilierten nichts anderes als den Verlust der Persönlichkeit, jedweder Individualität. Willkommen im Kollektiv.

Bei den Borg gibt es keine Beauftragten. Beauftragte nehmen in der Regel Stabsstellen ein und sind weisungsfrei und ohne Weisungsrecht. Das macht sie flexibel und potenziell gefährlich. Beauftragte können bürokratische Hierarchien durcheinanderbringen, weil sie am Dienstweg vorbei agieren. Das wäre nichts für die Borg.

Nun ist nicht jeder Beauftragte ein Captain Picard, nicht jede Beauftragte davon bedroht, von der Bürokratie assimiliert und ihrer Seele beraubt zu werden. Vom Standpunkt der Organisationsentwicklung aus ist es aber schon so, dass Stabsstellen Chancen und Risiken bergen.

Stabsstellen können schneller eingerichtet (und schneller wieder abgeschafft) werden, weil sie nicht in die Grundstruktur der Organisation eingreifen. Ihre Weisungsungebundenheit bedeutet höhere Flexibilität. Stabsstellen stellen eine (potenzielle) Entlastung der Linienabteilung oder -position dar. Generell sind Beauftragte an Stabsstellen sowohl in der Wahl der Themen als auch in der Wahl, mit wem in der Organisation sie zusammenarbeiten, freier. Das heißt, der Dienstweg ist für Beauftragte, die ihre Freiheit zu nützen wissen, maximal eine Empfehlung. Das kann für eine Organisation durchaus erfrischend sein. Es kann aber auch für Irritationen in einer in ihren Kreisen gestörten Bürokratie sorgen: "Von wöcha Obteulung san Se?", "Zu wem ressortiats es?"

Beauftragte haben es keineswegs immer leicht. Dass sie nicht an Weisungen gebunden sind, bedeutet auch, dass sie keine Weisungen erteilen können. Das können sie durch persönliche Autorität oder durch die Deckung von oben ausgleichen. Beauftragte müssen manchmal hart arbeiten, um "in der Linie" Gehör, Zugang zu Informationen und Unterstützung für Vorhaben zu finden. Wie anderswo in der parlamentarischen Demokratie ist das Ergebnis oft ein Kompromiss. Es kann häufiger als sonst zu Kompetenzkonflikten kommen. Wobei das für so manche bürokratische Struktur durchaus heilsam sein kann. Beauftragte haben das Potenzial, den Haufen ein bisschen durcheinanderzubringen. Schlecht?

Roman David-Freihsl schreibt (der Standard, 25. 10.), viele der von ihm Beschriebenen seien gar nicht Beauftragte, sondern Politiker. Einerseits schließt das eine das andere nicht aus, andererseits gibt es Beauftragte, die keine Politiker oder Politikerinnen sind. So gibt es an den Unis seit Jahrzehnten Gleichstellungsbeauftragte, Frauen aus dem Lehr- und Forschungspersonal, die z. B. darauf achten, dass Frauen in Berufungsverfahren nicht benachteiligt werden. Diese Beauftragten sind ohne Zusatzhonorar tätig; sie investieren Zeit für eine gute Sache und verdienen sicher keine Häme.

Aber David-Freihsl hat recht. Nicht jede mit Auftrag ist eine Beauftragte, nicht jede Stabsstelle macht ihren Inhaber zum Beauftragten. Statt Stabsstellen einzurichten und mit Beauftragten zu besetzen, kann innerhalb einer Organisation eine neue Abteilung eingerichtet werden, wenn eine neue oder als neu wahrgenommene Aufgabe identifiziert wird, für die bisher niemand zuständig war. Das dauert nur länger und ist auch weniger leicht wieder rückgängig zu machen. Jemanden zu beauftragen und an eine Stabsstelle zu setzen bedeutet immer auch zu experimentieren. Erst später wird entschieden, ob und wie die Tätigkeit in die Linie übernommen wird.

Bleibt die Frage, wann die Beauftragung endet. Drei Szenarien sind denkbar: 1. Aufgabe erledigt, Auftrag erfüllt. Beauftragung beendet. 2. Aufgabe weiterhin als wichtig eingestuft, Erledigung noch nicht absehbar. Die Stabsstelle wird in die Linie übernommen, der Hierarchie einverleibt. 3. Die Beauftragung wird verlängert, weil die Organisationsspitze noch nicht zwischen 1. und 2. entscheiden kann oder will.

Wie gesagt birgt die Einrichtung einer Stabsstelle und die Besetzung mit einem oder einer Beauftragten auch Risiken. Aber zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.

Im Übrigen: Ich stehe also in der Nachfolge des Hundstrümmerlbeauftragten. Sehr schön! Ich liebe Hunde. Und die Trümmerln sind doch deutlich weniger geworden. Also ein Erfolgsprojekt! (Alexander Van der Bellen, DER STANDARD, 3.11.2014)

Alexander Van der Bellen, ehemaliger grüner Bundessprecher, ist Beauftragter der Stadt Wien für Universitäten und Forschung.

Share if you care.