Was Ökonomen aus der Krise gelernt haben

31. Oktober 2014, 17:17
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Die Finanzkrise hat Ökonomen auf dem falschen Fuß erwischt. Mitterweile sind sieben Jahre vergangen. Viele kritisieren, dass kaum Lehren gezogen wurden

Wien - Ein Protestbrief einer Gruppe von Studenten löste im Mai auf der Wiener Wirtschaftsuni eine Debatte aus. Hat die Ökonomie, die von der Krise überrumpelt wurde, ihre Lehren aus den vergangenen Jahren gezogen? Ist die Forschung zu eingeengt und hat sie den Bezug zur Realität verloren? Auch einige Professoren haben den Brief unterzeichnet und die Frage damit mit Ja beantwortet. Mittlerweile hat die Initiative Isipe (International Student Initiative for Pluralism in Economics), die den Brief geschrieben hat, Organisationen aus 30 Ländern an Bord.

Am Mittwochabend trafen fünf Ökonomen auf der WU zusammen, um die Diskussion fortzuführen. Die Veranstaltung wurde von Studenten der Uni Wien und der WU organisiert, die an der Pluralismus-Initiative beteiligt sind. Das Interesse der Studenten war groß: Der Hörsaal war bis auf den letzten Platz voll, die Diskussion wurde in einem zweiten Hörsaal auf einer Leinwand übertragen.

Karriere machen

Peter Mooslechner, Direktor der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), bemängelte an Jungökonomen von heute die mangelnde Praxistauglichkeit. Er führe seit über 15 Jahren Bewerbungsgespräche mit Nachwuchsökonomen, könne mit ihnen aber oft nicht über die wirkliche Welt sprechen. "Man kann mit ihnen nicht über Wirtschaftsgeschichte reden, sie kennen zu einem Thema nur ein Modell und die relevanten Fragestellungen der Zeit nicht." Er erklärt sich das damit, dass man nur Karriere machen könne, wenn man sich in den Modellen des Mainstreams zurechtfinde. Leute, die akademisch sehr gut ausgebildet seien, würden bei angewandten Fragestellungen, "wie sage ich das jetzt vorsichtig... nicht immer direkt unmittelbar ganz perfekt einsetzbar" sein.

Die Leiterin des Wiiw (Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche), Elisabeth Hagen, teilte die Meinung Mooslechners. "Ich habe mich über die Initiative sehr gefreut", sagte Hagen. Sie hätte schon länger ein Unbehagen verspürt, das sich mit dem der Studenten decke. "Was ich immer wieder feststelle, ohne den Rektor und die anwesenden Lehrenden hier zu beleidigen, ist: Die jungen Ökonomen sind stark ausgebildet was die Technik betrifft und kennen die Modelle gut. Wo es Probleme gibt ist das Verständnis für das, was dahinter steht", sagte Hagen. Es gebe eine große Gläubigkeit gegenüber Daten. "Das sind ja Daten, die müssen stimmen."

Depperte Politiker

Die Auftraggeber des Wiiw würden sich dafür interessieren, welche Empfehlungen man für die Politik ableiten könne. Sie merke, dass es sowohl Jung als auch Alt an Interesse dafür fehle. "Viele wissen nicht, welche Maßnahmen es gibt, wie die EU funktioniert. Da muss ich die Leute dazu zwingen, das zu machen. Dann fallen ihnen die absurdesten Dinge ein, primitive, ideologisch geprägte Ergebnisse." Wenn man sich damit nicht auskenne, reagiere man eher damit, zu sagen: "Das ist uninteressant. Die blöden Bürokraten, die depperten Politiker kennen sich nicht aus."

Die Leiterin des Volkswirtschafts-Departments der WU, Ingrid Kubin, zeigte sich von den Erfahrungen der beiden Ökonomen überrascht. Sie sehe die WU-Studenten als sehr politikinteressiert. Die Frage sei aber, wie viel an Praxis man schon in die Uni packen und wie viel man später im Job lernen sollte. "Das Bachelor-Studium soll in drei Jahren machbar sein. Das setzt auch gewisse Grenzen", sagte Kubin.

Illusionen

Auch dazu, ob die Ökonomie ausreichend aus der Krise gelernt habe, wurde diskutiert. Für den OeNB-Direktor Mooslechner war die Antwort klar: Nein. Die im Mainstream angelegte Trennung von Finanz- und Realwirtschaft habe nichts mit der Realität zu tun. Jeder, der ein Konto habe, wisse, dass das nicht stimmen könne. "Da fragt man sich, wie das eine dominierende Haltung werden konnte." Auch er habe habe teilweise falschen Illusionen angehangen.

Hagen stimmte ihm zu. "Das wir die Krise nicht erkannt haben, da kann man noch sagen, das kann jedem passieren." Was sie aber nicht nachvollziehen könne, ist, dass sich sieben Jahre später noch immer nichts getan habe. "Wo ich ein bisschen Veränderung sehe ist in der wirtschaftspolitischen Diskussion, in diversen Blogs, die es früher nicht gegeben hat."

Geschichte vergessen

Alejandro Cunat, Ökonom an der Uni Wien, sah das anders. "Es gibt viele Arbeiten, die sich mit der Krise beschäftigen", sagte Cunat. Der heurige Nobelpreis-Träger Jean Tirole habe schon in den 1990ern eine Arbeit dazu geschrieben, in der er die komplexen Verbindungen zwischen Banken beschreibe und davor warne, dass eine Pleite zu vielen anderen Pleiten führen könne. "Das wissen wir aber schon seit der Weltwirtschaftskrise 1929", sagte Mooslechner darauf.

"Wir haben die ökonomische Geschichte vergessen, da bin ich völlig einverstanden", reagierte Cunat. Auch WU-Frau Kubin versteht die Kritik teilweise. "Finanzmärkte waren sicher nicht das Top-Thema. Das Problem ist aber nicht, dass nicht geforscht werden würde, sondern dass das nicht wahrgenommen wird. Auch nicht von den Notenbankern", sagte sie mit Blick auf OeNB-Direktor Peter Mooslechner. Der antwortete schmunzelnd: "Ja, die Notenbanken sind mehr Mainstream als irgendwas sonst."

Heterodoxe Ökonomie

Einen Vorschlag, wie man auf die Probleme reagieren könnte, hatte Jakob Kapeller von der JKU Linz. Ökonomen würden keine neuen Annahmen brauchen, sondern andere thematische Schwerpunkte. Ob es Verteilungsgerechtigkeit betreffe, Finanzmarktregulierung oder Ungleichgewichte in Handelsbilanzen: Das seien Themen, mit der sich die Heterodoxe Ökonomie schon lange beschäftige. Sie würde aber keine Beachtung finden.

Unter Heterodoxer Ökonomie versteht man ein Sammelsurium an Strömungen, die im Mainstream der Volkswirtschaft keinen Platz finden. Kapeller plädierte dafür, sich Themen über verschiedene Modelle und Strömungen anzusehen und Erkenntnisse daraus zu kombinieren. (Andreas Sator, derStandard.at, 31.10.2014)

  • Geht es nach einigen Studenten und Professoren, sollte in der Ökonomie der Blitz einschlagen. Sieben Jahre nach der Krise müsse sich endlich etwas ändern, sind viele überzeugt.
    foto: apa/rozpedzik

    Geht es nach einigen Studenten und Professoren, sollte in der Ökonomie der Blitz einschlagen. Sieben Jahre nach der Krise müsse sich endlich etwas ändern, sind viele überzeugt.

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