Der Abend vor Allerheiligen ...

31. Oktober 2014, 16:42
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... ist aller Exorzisten Anfang

Es rückt Allerheiligen näher, das Nebelfest der fallenden Blätter und unvergessenen Gräber. Davor drängelt sich noch schnell das ungefragt zugewanderte Halloweenfest in die Marketinglücke. Allen, die der Versuchung dieses Bösen erlegen sind, wünsche ich viel Glück für Schminke, Maske und Kostüm. Möge ihnen kein Exorzist über den Mitternachtspfad laufen statt einer schwarzen Katze. Exorzisten sind nicht nur kultige Filmdarsteller mit gewisser Gänsehautgarantie. Sie sind quasi seit Juli offiziell Geschäftsreisende im Namen des Herrn. Handwerker Gottes mit dem festeren Griff. Mit Federstreicheln und ein bisschen Gesang bekommt man so einen Satan auch vermutlich schwer aus dem Wirtskörper heraus. Erwiesenermaßen nicht mal einen Bandlwurm. Da muss schon heikleres Gerät aufgefahren werden. Exorzisten wären unter den Geistlichen gerne das, was Mikroskopzahnärzte unter den Zahnärzten sind: die mit dem genaueren Durchblick. Also sollte ich einmal exorziert werden müssen, weil ich "Liebe und Offenheit" benötige, da ich "unter dem Bösen leide", wie der Papst präzisierte, möchte ich unbedingt nicht nur die fade Weihwassershow haben. Sondern bitte das volle Programm. Eigene Kongresse, bei denen sich Fachmenschen über Methodik austauschen, sind nicht nötig.

Schon 2007 gab es dieses Thema hochoffiziell bei "Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie. Besessenheiten jenseits von Psychosen wurden ernsthaft diskutiert. Unter anderem von Psychiatern. Fächerübergreifend. Sollte jemand bei einer zünftigen Austreibung das Zeitliche segnen, wie es schon vorgekommen ist, gibt es bestimmt einen Exorzistenvereinigungsfonds samt eigener Versicherung, der für die entstandenen Kunstfehler gradsteht. Die Internationale Exorzistenvereinigung gibt es jedenfalls ganz offiziell. Überall, wo die Bürokratie zuschlägt, und dazu noch internationale, schläft aber auch der Teufel nicht. Vermutlich sind Exorzitienutensilien streng nummeriert und nur nach kompliziert auszufüllenden Anfrageformularen mit Stempelmarken zu entleihen." Oder besorgt sich jedes Vereinsmitglied seine Berufsausrüstung selbst und darf anschließend Weihwasserpauschale, Kreuztaxe, Mönchskuttenzuschlag und Kerzenrabatt von dem Berufsverband geltend machen? Womöglich sind die Rituale von Land zu Land verschieden, ebenso wie die zugelassenen Arbeitszeiten. Wer in Frankreich samstags um Mitternacht mit dunklen Mächten ringen darf, bekommt womöglich in Österreich den Schein entzogen, wenn er die Wochenendregelung übersieht. Der Sonntag ist von sich aus heilig. (Julya Rabinowich, DER STANDARD, 31.10./1./2.11.2014)

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