Todesopfer bei Protest gegen Staudamm in Frankreich

Userartikel31. Oktober 2014, 12:15
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Nach einem Todesfall in Südwestfrankreich ist ein Staudammprojekt derzeit auf Eis gelegt

Im südwestlichen Frankreich, im Département Tarn, soll ein kleiner Stausee entstehen. Nicht der Stromerzeugung soll das Wasser des Baches Tescou bei Sivens dienen, sondern der Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen. Der Maisanbau soll in den in dieser Region immer trockener werdenden Sommern gesichert werden. Der Mais, der das Vieh ernährt und der als exportiertes Saatgut die höchsten Rendite erzielt. Seit Jahren drängen die Bauernverbände, der Generalrat des Départements und die Baufirmen auf eine rasche Umsetzung des Projekts.

Besetzer wurden evakuiert

Und ebenso lang laufen lokale Bürgerinitiativen und Umweltschützer dagegen Sturm. Die Kosten stünden in keiner Relation zum allgemeinen Nutzen. Die Rodung des Tals sei ebenso wenig hinzunehmen wie die Zerstörung des Feuchtgebiets und der ansässigen geschützten Tier- und Planzenarten. Eine Alternative zur intensiven Bewirtschaftung müsse endlich angedacht werden. Urteile der Umweltbehörden und ein erst letzten Montag erschienener Expertenbericht geben den Gegnern in den meisten Punkten recht.

Die lange relativ friedlich gebliebene Situation spitzte sich Ende des Sommers zu. Im September wurden die Besetzer evakuiert, der Wald von Sivens gerodet und das Gelände planiert. Der Tescou rinnt fortan als trauriges Rinnsal durch eine Mondlandschaft. Am Samstag (25. Oktober) ein letztes Aufbäumen des Widerstandes: Mehrere tausend Menschen kamen zu einer friedlichen Kundgebung in der Nähe der Baustelle, José Bové von den Grünen (EELV) und Jean-Luc Mélenchon (Parti de Gauche) gaben sich die Ehre.

Granate trifft Studenten

Während einige Kilometer entfernt unter Zelten diskutiert und gefeiert wird, dauern am Baugelände die Scharmützel zwischen Sicherheitskräften und "erlebnisorientierten", meist jungen Demonstranten an. Bereits am Nachmittag gleicht der Ort einem Schlachtfeld. Mit Schildern, Stöcken und Steinen bewehrte Gruppen versuchen eine Hundertschaft mobiler Gendarmen und Bereitschaftspolizisten zu vertreiben. Diese antworten mit Schlägen, Gummigeschoßen (Flashball) und einem Hagel von Tränengas- und auch Blendgranaten.

Spät in der Nacht brechen Rémi Fraisse, ein 21-jähriger Biologiestudent und passionierter Botaniker aus Toulouse, und seine Freundin zur Front auf, um "sich selbst ein Bild zu machen". Rémi ist zum ersten Mal in Sivens und kein üblicher Verdächtiger. Freunde und Eltern beschreiben ihn als ruhig, pazifistisch und ohne Erfahrung bei Demonstrationen. Kurz nach zwei Uhr morgens bricht er wenige Meter von den Absperrungen entfernt zusammen. Die Explosion einer aus kurzer Distanz geworfenen Schockblendgranate hatte seinen Rücken zerfetzt. Rémi war sofort tot.

Todesursache bestätigt

Erst Dienstagabend wurde die Todesursache bestätigt und gingen die politischen Wogen hoch. Der Präsident des Départements erklärte, für eine Idée zu sterben sei traurig und dumm. Der Innenminister verbittet sich nach wie vor jede Kritik am Einsatz seiner Truppen. Die Familie des Toten hat Anzeige wegen vorsätzlichen Totschlags erstattet. Das Staudammprojekt liegt vorerst auf Eis. (Stefan Agnezy, derStandard.at, 31.10.2014)

Stefan Agnezy hat die Berichte in französischen Medien verfolgt und entsprechende Meldungen in deutschsprachigen Medien vermisst.

Links

The Guardian

Le Monde

  • Proteste in Frankreich nach dem Tod von Rémi Fraisse, der sich vor Ort ein Bild von der Situation in Sivens machen wollte
    foto: epa/yoan valat

    Proteste in Frankreich nach dem Tod von Rémi Fraisse, der sich vor Ort ein Bild von der Situation in Sivens machen wollte

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