Guatelli-Museum: Inventur in der Emilia-Romagna

5. November 2014, 17:09
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Das Guatelli-Museum nahe Parma ist einem tiefsinnigen Bauernsohn gewidmet, der die Geschichte der Region mit 60.000 unbenutzten Exponaten erzählt

Bäuerliche Arbeit und hoher künstlerischer Ertrag lebten einst in vielen italienischen Regionen in Symbiose. Giuseppe Verdi ist in Le Roncole unweit von Parma geboren, seine Musik entspringt derselben Quelle wie die weltweit geschätzten landwirtschaftlichen Produkte der Emilia-Romagna: der Erde der Po-Ebene.

foto: enzo ragazzini

In Ozzano Taro, 20 Kilometer entfernt von der Stadt Parma, in der auch Arturo Toscanini, der größte italienische Dirigent, geboren wurde, befindet sich ein ungewöhnliches, kaum bekanntes Museum. Das Museo Guatelli ist in einem ehemaligen Bauernhaus untergebracht und eher ein Antimuseum, ein Ort, wo anstatt wertvoller, teurer Exponate liegen gelassene, nicht mehr gebrauchte Objekte ausgestellt sind: insgesamt rund 60.000, deren Gesamtwert wahrscheinlich nicht einem einzigen Gemälde im Kunsthistorischen Museum in Wien gleichkommt.

Unnütz gewordene Bauernutensilien

Es sind einfache, meist unnütz gewordene Bauernutensilien aus der Gegend, die Ettore Guatelli, selbst Bauernsohn, lebenslang gesammelt hat. Er betätigte sich zeit seines Lebens eher als Sammler wertloser Reliquien denn als Antiquitätenhändler.

Der 1921 geborene und im Jahr 2000 verstorbene Ettore Guatelli, seine Eltern und Geschwister waren Lehensleute und lebten in dem Haus, in dem sich jetzt das Museum befindet. Wegen einer schweren Krankheit konnte Guatelli nicht als Bauer arbeiten. Er erwarb sein Wissen autodidaktisch, versuchte sich in verschiedenen Berufen, wurde schließlich Volksschullehrer und war der Künstler in der Familie.

Kein Objekt wird abgewiesen

Schon mit 20 fing er an, alles zu sammeln, was die Umgebung hervorbrachte. Von alten Bekannten, Bauern, die ihren Beruf aufgaben, und Altwarenhändlern kaufte er alles, was er konnte, um wenig Geld auf. Nie hätte er ein verwaistes Objekt abgewiesen oder einfach weggeschmissen. Eine furiose Sammelwut drängte ihn, Dinge aufzuheben: Sicheln, Äxte, Hämmer, Hufeisen, Schlüssel, Uhren, Wagenräder, Schrott, Metalldosen, Keramiken und Gläser, Puppen, Spielzeug, gestopfte Wollsocken, Koffer und einfache Musikinstrumente aus der Region.

foto: enzo ragazzini
Musikinstrumente aus der Emilia-Romagna sind nur ein kleiner Teil von Guatellis Sammlung verwaister Dinge.

Es war dennoch kein Musiker, der die Leidenschaft Guatellis als einer der Ersten zu schätzen lernte. Attilio Bertolucci, ein bekannter Dichter und der Vater von Bernardo Bertolucci, kam oft hierher. Ein Foto, das Guatelli mit den Regisseuren Bernardo Bertolucci und Roberto Benigni zeigt, hängt in einem der Säle.

Die Memorabilien einer Zeit, in der Mensch und Erde vielleicht enger verbunden waren, belegten nach und nach alle Wohnräume des Hauses. Es ist von den Zeugnissen dieser spontanen Arte povera einfach in Beschlag genommen worden. Im Jahr 2004 wurde es schließlich ganz zum Museum umfunktioniert, ist aber seit der Eröffnung auch in Italien dem breiten Publikum kaum bekannt.

Ohne Ansturm beäugt

Heute, wie Direktor Mario Turchi, die Konservatorin Jessica Anelli und der Hauswart Gianni Guatelli, ein Cousin des Sammlers, erklären, werden die Exponate zwar ohne großen Ansturm, aber mit Interesse beäugt. Die Objekte sind in mehreren Dimensionen angeordnet: entlang der Wände, auf dem Boden und an der Decke. Der Raum ist bis auf den letzten Millimeter gefüllt, doch das Ergebnis ist weit entfernt von Chaos. Im Gegenteil strahlt der Ort eine magische Harmonie und einen fast mystischen Einklang der Dinge untereinander aus.

foto: enzo ragazzini

Es gibt den Eingangsbereich, das Treppenhaus, die Balustrade, ein Zimmer nur für Spielzeug, eines nur für Musikinstrumente und noch weitere mit thematisch geordneten Objekten. Und dann ist da noch der große Salon mit drei Fenstern, der gänzlich, inklusive der Decke, mit nach Art und Größe sortierten Exponaten zutapeziert wurde. Man erkennt eine manische und dennoch ästhetische Ordnung, die ein wenig an eine Grafik von M. C. Escher erinnert und ein ganz eigenes künstlerisches Narrativ von der Emilia-Romagna anbietet. (Flaminia Bussotti, DER STANDARD, 31.10.2014)

Info: Das Museum Guatelli trägt sich durch Mitgliedsbeiträge der Stiftung Guatelli, an der sich auch drei Gemeinden beteiligen, sowie durch die Erträge aus den Eintrittskarten. Der Eintritt (fünf Euro) ist nur in Verbindung mit einer Führung möglich.
Adresse: Via Nazionale, 130
43046 Ozzano Taro Collecchio (PR)

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