Roms zweiter Niedergang

2. November 2014, 08:00
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Verkehrschaos, Kriminalität, wachsende Armut und ein riesiger Schuldenberg: Die Ewige Stadt verwahrlost. Mittlerweile müssen private Mäzene aushelfen, um die zahlreichen Kulturgüter vor dem Verfall zu retten

Seit 79 Jahren war der monumentale Bau geschlossen. Am 19. August sollte das Mausoleum des Augustus dann kurz geöffnet werden - zum 2000. Todestag des glanzvollen römischen Kaisers. Hundert Personen gelang es, sich für die drei Führungen anzumelden, bevor das riesige Rundgrab wegen Restaurierung erneut geschlossen wurde, bis 2017. Den Besuchern bot sich ein schockierender Anblick: Das Mausoleum stand unter Wasser.

Was Medien als posthume Geste des Imperators gegen die Verwahrlosung der einst prächtigen Stadt deuteten, war lediglich einem Rohrbruch zuzuschreiben. Augenfälliger freilich hätte der nachlässige Umgang der Metropole mit ihrer historischen Größe kaum demonstriert werden können. Zuvor hatte derCorriere della Sera den desolaten Zustand des Mausoleums dokumentiert: Abfälle zieren die Stätte, Obdachlose schlafen im Zypressenhain. 1500 Jahre nach dem Ende des Römischen Reiches erlebt die Ewige Stadt ihren zweiten Niedergang.

foto: apa/caroni
Im Juni begann die Restaurierung des Trevi-Brunnens. Finanzier ist die Fendi-Gruppe.

Die Kapitale ächzt unter einem riesigen Schuldenberg, leidet unter Korruption, Misswirtschaft und aufgeblähter Bürokratie. Die Kriminalität wächst ebenso rasch wie die Zahl der Obdachlosen und das Verkehrsgewühl. Die Müllabfuhr ist überfordert. In Rom kommen 978 Autos auf 1000 Einwohner - das Doppelte von Paris.

Obwohl das Stadtgebiet Mailands wesentlich kleiner ist, verfügt die lombardische Finanzmetropole mit 84 Kilometern U-Bahn über ein doppelt so langes Streckennetz. In Rom hingegen müssen die Arbeiten an der dritten U-Bahn-Linie wegen Geldmangels immer wieder eingestellt werden.

Jährlich 660 Kilo Müll pro Bürger

Als "sporca, caotica, insicura" schildert der Corriere della Sera die Ewige Stadt - schmutzig, chaotisch und unsicher. "Die Infrastruktur funktioniert schlechter als unter Augustus", spottet der Tagesanzeiger. Eine Rekordmenge von 660 Kilo Müll produziert jeder Römer pro Jahr - 200 mehr als der durchschnittliche Triester. Ist der Container voll, deponieren viele Bewohner ihren Abfall auf dem Gehsteig. Kühlschränke oder Bauschutt werden häufig nachts über die Böschung der Ausfallstraßen gekippt. Da die längst ausgelastete Deponie gesperrt wurde, muss die Stadt ihren Abfall nach Norditalien karren - für zehn Millionen Euro pro Jahr.

foto: apa/montani
Das Kolosseum ist schon länger eingerüstet. Dass Diego Della Valle, Chef von Tod's, für den Großteil der Kosten aufkommt, löste in der Stadt Kontroversen aus.

62.000 Personen stehen auf den Gehaltslisten der Gemeinde - gut das Doppelte des größten italienischen Autokonzerns Fiat. Die defizitären Verkehrsbetriebe haben in den letzten Jahren drei Milliarden Euro verschlungen. Doch 600 der 2200 Busse stehen defekt in den Depots, während sich in den funktionierenden Bussen die Fahrgäste drängen. Im Haushalt klafft ein Loch von 1,2 Milliarden Euro. Sogar die kommunalen Apotheken erwirtschaften jährlich ein Defizit von 15 Millionen Euro. Nur ein von der Regierung widerwillig genehmigtes Rettungspaket von 750 Millionen Euro sicherte Rom vorerst das finanzielle Überleben.

Der glücklos agierende Bürgermeister Ignazio Marino weiß nicht, wie er die Löcher stopfen soll. Markenzeichen des aus den USA zurückgekehrten Transplantationschirurgen ist sein Fahrrad, mit dem er in seinen Amtssitz auf dem Kapitol radelt. Doch gegen Korruption, Schlendrian, Misswirtschaft und Mafia vermag der 58-Jährige mit dem spröden Charisma wenig auszurichten.

Pizzakette in Mafia-Hand

"Die Mafia hat in Rom ein neues Gesicht und ist Teil des Wirtschaftssystems", so der Staatsanwalt Giancarlo Capaldo, Autor des Buchs Roma mafiosa. Im Februar wurden über 90 Camorra-Verdächtige verhaftet, 385 Bankkonten gesperrt. 28 Immobilien und 91 Firmen wurden konfisziert - darunter die 23 Pizzerien der Ciro-Kette, zu deren Besuchern Matteo Renzi und Romano Prodi gehörten. Unter den Verhafteten befanden sich Bankdirektoren, Notare, Wirtschaftsberater und ein Vizepräfekt. Ein Unternehmer entzog sich durch einen Sprung aus dem vierten Stock der Festnahme. "70 Prozent aller Lokale in der Altstadt sind in den Händen der Mafia", versichert die Präsidentin der Bezirksvertretung, Sabrina Alfonsi. Am deutlichsten macht sich der Niedergang der Stadt in der tristen Peripherie bemerkbar. Im Viertel San Basilio traut sich bei Dunkelheit kaum jemand auf die von Dealern bevölkerten Straßen. Im zehn Stockwerke hohen und einen Kilometer langen Wohnblock Corviale im Südwesten müssen sich die 8000 Bewohner nachts verbarrikadieren.

foto: apa/percossi
Kein Mäzen hat sich bisher für die maroden römischen Verkehrsbetriebe gefunden: überfluteter Abgang zu einer U-Bahn-Station.

Nur auf der Touristenmeile zwischen Vatikan und Kolosseum zeigt sich Rom im gewohnten Glanz. Mülltonnen werden pünktlich geleert, in den Kaffeehäusern der Piazza Navona entfernte die Stadtverwaltung sogar einige Hundert Tische, die ohne Genehmigung platziert worden waren. Da der Stadt die Mittel zur Erhaltung ihrer Kunstdenkmäler fehlen, springen private Sponsoren ein. So wird die Restaurierung der Fontana di Trevi vom Modehaus Fendi finanziert. Auch das Kolosseum wird von seiner dunklen Patina befreit - mit einer 26-Millionen-Spende von Tod' s-Luxusartikelhersteller Diego Della Valle.

Wer beim Amphitheater in die U-Bahn steigt, wird dann im verwahrlosten Bahnhof Termini mit den täglichen Problemen der Römer konfrontiert. Häufig inszenieren Jugendliche kurz vor Abfahrt der Züge ein Gedränge, um die Hände in die Taschen der Passagiere gleiten zu lassen. Der Bus der Linie 64 von Termini zum Vatikan gilt als bevorzugter Arbeitsplatz für Taschendiebe, vor denen sogar der Papst öffentlich warnte: "Wer im Bus das Evangelium liest, sollte auf seine Tasche achten."

Warnung vor Taschendieben

Das Londoner Foreign Office hat britische Touristen letzthin offiziell vor den Taschendieben in RomsVerkehrsmitteln und Bahnhöfen gewarnt. Die Stadt sei "zu einem wahren Inferno für die Touristen verkommen", klagt auch die Hoteliervereinigung. Dennoch wächst die mittlerweile auf zwölf Millionen gestiegene Besucherzahl Jahr für Jahr.

Ständig vergrößert auch der unaufhaltsame Migrantenstrom das Heer der illegalen Verkäufer von Blumen und gefälschten Markenartikeln. Schon dienen Kirchen wie die Basilika Santa Maria Maggiore als Notunterkünfte, die Mensen verzeichnen steigenden Zustrom von Obdachlosen. Das Durchschnittseinkommen ist in fünf Jahren um 15 Prozent gesunken, die Jugendarbeitslosigkeit auf 46 Prozent gestiegen.

Wachsende Armut paart sich in der Sehnsuchtsstadt vieler Reisender mit schillerndem Reichtum: Die in Monte Carlo ansässige römische Unternehmerin Angiola Armellini wurde letzthin verhaftet, weil sie für ihre 1234 Wohnungen keine Immobiliensteuer bezahlt hatte. Dem Glanz der privaten Palazzi und Fünf-Sterne-Hotels steht die Verwahrlosung öffentlichen Besitzes entgegen. Antike Stätten bröckeln, viele Straßen sind mit Schlaglöchern übersät, Grünanlagen zu illegalen Zeltlagern degradiert.

Zukunft verschlafen

Jeder größere Wolkenbruch stürzt Rom ins Chaos. Die Stadt, die sich einst mit dem stolzen Beinamen "Caput mundi" schmückte, lebt von der Vergangenheit. Die "Kapitale der Welt" verschläft die Zukunft. Ihre Altlasten werden auf rund 13 Milliarden Euro veranschlagt. Obwohl 250.000 Wohnungen leerstehen, fressen sich hässliche Wohnblöcke in den Grüngürtel der Stadt. 20 Prozent davon werden illegal errichtet. Jeder der 1650 "Immobilienkönige" der Hauptstadt besitzt über 500 Wohnungen.

In den Gemeindestuben türmen sich indessen 150.000 Gesuche um Sanierung von Bausünden. In der Rangliste der sichersten Provinzmetropolen Italiens liegt Rom unter 110 Städten auf Platz 101. DasWall Street Journal resümierte: "Rom steht wie Detroit am Rande des Bankrotts." (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, 31.10.2014)

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