Himmel oder Hölle? Wirtshaus!

Reportage1. November 2014, 11:00
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Überreste von Einäscherungen nennt er "Dosenleichen", verbrennen solle man nur Mist. Wäre Gerhard Maria Wagner aus Windischgarsten Fußballer, würde man sagen: ein knüppelharter Verteidiger

Petrus war ein kleines Felschen gegen meinen Vater, bis der Krebs ihn letztes Jahr von 110 Kilo auf 40 Kilo runterprügelte. Selbst seine Eisenhand Marke Seewolf war weich und zärtlich geworden, wenn wir sie hielten während der letzten Wochen, Tage, Stunden.

74 Jahre lang stand er aufrecht im Leben, er war ein Arbeiter, und wenn er abends müde wurde, dann wusste er warum. Dem Sterben schaute er mit überraschender Gelassenheit entgegen, zwei Möglichkeiten, sagte er: Es gibt ein Leben nach dem Tod, dann wird es super. Oder es gibt keines, dann ist es eh alles Wurscht. Eine Hölle? Lächerlich! "Ihr braucht euch um mich überhaupt keine Sorgen machen", versicherte er uns. Es ist ein Geschenk, wenn der Sterbende die Zurückbleibenden, die Weinenden nicht mit seiner eigenen Verzweiflung belastet.

Mein Vater hörte auf, in die Kirche zu gehen, als DDr. Gerhard Wagner vor 26 Jahren als Pfarrer nach Windischgarsten kam, und ich trat damals aus der Kirche aus. Der Mann hatte bei "grünen Spinnern" wie mir keinen guten Ruf, und solche wie ich stehen bei einem "Reaktionär" wie ihm nicht auf der Topliste. Vor fünf Jahren wäre er dann fast zum Weihbischof von Linz ernannt worden.

Damals gab es das Wort Shitstorm noch nicht, aber es war genau ein solcher, der ihn zum Rückzug bewog. Kurz, bevor mein Vater starb, war er noch bei ihm, und plötzlich waren da zwei Sturschädel im Zimmer: Der eine wollte in Ruhe sterben, der andere wollte ihm dabei helfen. Das ging sich nicht aus.

Ein Heimspiel für den Pfarrer

Nun warte ich auf den Pfarrer, in der Sonne auf einer Grabumrandung sitzend. Was Lage und Flair dieses Friedhofs anbelangt, kann man als Leiche nicht schöner ruhen. Umrandet ist der Ort von hohen Bergen, die Gräber am Friedhof sind nach Norden ausgerichtet, sodass man aufs Sensengebirge schauen kann, wenn man daran glaubt, während linker Hand hinter dem mächtigen Toten Gebirge die Sonne auch für die Lebenden untergeht.

Als der Pfarrer kommt und ich aufstehen will, um ihn zu begrüßen, fährt mir der Schmerz ins Kreuz, und er lacht über mich. Nicht ganz schadenfroh, aber auch nicht mitleidig. Das hier ist ein Heimspiel für ihn, das ist sein "homeground".

Seine Selbstbeschreibung lautet: "Katholisch. Fischer-Ski. LASK-Anhänger." Etwas gebeugter als geplant gehe ich auf ihn zu und schüttle ihm die Hand. Ich kenne Spinner, die können einem nicht in die Augen schauen, wenn sie einem ihr müdes Mäusepfötchen reichen, und die schimpfen sich Jesuiten. Der hier greift zu wie früher mein Vater und schreit dabei "Grüß Gott!", während ich selbst gerade noch ein schwaches "Guten Tag" schaffe.

Dass mein Vater ihn weggeschickt hat, als er bei ihm war, steckt der Pfarrer weg wie nichts, als LASK-Anhänger ist er an Niederlagen gewöhnt. An die 1000 Tote hat er während der zurückliegenden 26 Jahre hier herausbegleitet auf seinen Friedhof, aber mein Vater wollte für sein Begräbnis den Priester, der ihn und meine Mutter vor 50 Jahren getraut hatte. Meine Tochter zeichnete einen Plan für die Engel, eine Art Navi mit Pfeilen, damit die wussten, wohin sie ihren geliebten Opa bringen müssen. Den legten wir ihm in den Sarg, ins offene Grab hinein warf sie ihm Werkzeug, damit er die Sachen bei den Engeln oben repariert, denn sie wusste: "Der Opa ist jetzt im Himmel."

"Stimmt das?", frage ich den Pfarrer.

Wir beginnen unseren Spaziergang über seinen Friedhof, er wie ein Pfarrer, ich wie ein Patient. Er kannte alle seine Toten persönlich, und er kennt alle Angehörigen. Aber einer wie er stellt keine Gefälligkeitsgutachten aus. Was meine Frage betrifft, ist er sich daher nicht ganz sicher. Pluspunkte sammelte mein Vater, weil er sich nicht verbrennen ließ. Diesen Blödsinn schätzt der Pfarrer nämlich gar nicht, die Überreste dieser Toten nennt er "Dosenleichen".

Dabei geht es ihm um die Würde des Menschen, wie er sagt. Verbrennen soll man den Mist, sein Friedhof aber ist keine Müllhalde. Im Übrigen hat er mich und meine Geschwister im Verdacht, dass wir meinen Vater damals vom rechten Weg abgebracht haben. Meine eigene Prognose ist daher denkbar schlecht, wie er lachend meint. Und als wir die Pfarrersgruft in der Mitte des Friedhofs erreichen, ist er sich nicht einmal ganz sicher, ob die arme Seele des alten Dechanten, dessen Überreste da drinnen liegen, heute oben im Himmel ist. Sein Expertentipp: "Fegefeuer."

Wäre er Fußballer, würde man sagen: knüppelharter Verteidiger, Chef auf dem Platz. Teilt aus, steckt aber auch ein. Räumt vor dem Himmelstor alles weg, was seiner Meinung nach nicht in den Himmel gehört: Schwule, wiederverheiratete Geschiedene, grüne Spinner oder Harry Potter.

Der wurde ihm zum Verhängnis, als es um den Job als Bischof ging, weil er ihn bis Band vier gelesen hatte und dabei zu einem eindeutigen Urteil kam: Satanismus! Der Mainstream lachte sich kaputt über ihn, aber auch das steckte er weg. "Die Zipfelmütze", sagt er heute mit breitem Grinsen, vermisst er überhaupt nicht. Der Mann hat seinen Frieden gefunden.

Keine Arbeit! Keine Frau!

Er wusste bereits mit acht, dass er Pfarrer werden wollte. Es war keine Berufung, vielmehr die nüchterne Überlegung eines Kindes. Drei überzeugende Gründe fielen ihm dazu ein: 1. Keine Arbeit! 2. Keine Frau! 3. Sich super Geschichten anhören! Der Mann ist auch verdammt witzig.

Er kam dann 1988 aus Bad Ischl - "Kessellage, Betonschädel" - hierher in den Süden Oberösterreichs, da war er 34 Jahre alt. Die Zyniker im Klerus wollten ihm, damals schon überzeugter Reaktionär, eigentlich die Arbeitergemeinde Neuzeug umhängen. Er war bereit für den Kampf, aber dann schickten sie ihn zu den "Indianern" nach Windischgarsten, um dem alten Dechanten hier nachzufolgen. Nun fand er sich in einer "Tallage mit Sturschädeln" wieder, und der alte Häuptling wollte dann doch nicht gleich aufhören zu predigen.

Wieder war einer zu viel, und es ging sich wieder nicht ganz aus. Gott beendete den ungleichen Kampf, nun liegt der eine seit Jahrzehnten friedlich da unten in der Gruft in der Mitte des Friedhofs, und der andere wird an Allerheiligen genau hier wieder vor 5000 Leuten, wie er stolz verkündet, Messe feiern und mit Donnerstimme predigen. Während "der alte Pfarrer früher vor 37 Leuten in der Kirche drinnen herumgeschrien hat", wie ihm wichtig ist zu erwähnen. Auch unter Pfarrern gilt: Ich habe den Größeren.

Pfarrer Wagner ist letzten Sommer erst 60 geworden und steht voll im Saft. Okay, im Winter hat sich der begeisterte Skiläufer auf seinen Fischer-Skiern ein paar Bänder im Knie gerissen, aber Fußball geht natürlich immer noch. Er trägt dabei ein weißes Leiberl zu schwarzer Hose, wenn er im Jungscharlager mit den Kindern kickt.

Das ist vielleicht der einzige Moment, trau' ich mich zu denken, in dem er seinem Gott nicht ganz so gut gefällt. Er hat vor drei Jahren zum Rauchen aufgehört, aber nicht zum Essen, und das sieht man ihm an. Der Mann hat Gräten, und Fleisch dran hat er sowieso. Dazu Charisma im Überfluss. Er ist der Boss in seiner kleinen katholischen Welt, und das genießt er. Seinen Hasenstall hält er mit harter, aber nach seinen Maßstäben gerechter Hand zusammen. Er hat nichts gegen Barmherzigkeit, aber Gerechtigkeit muss halt auch sein. First things first.

Wenn man mit ihm über seinen Friedhof spaziert, dann geht man wie an der Seite eines Popstars. Er wird begrüßt, betatscht, verehrt. Man bespricht seinen letzten Pfarrbrief mit ihm oder lädt ihn zum Essen ein. Oder er lädt sich selbst ein, wobei: "Keine Rindsuppe, die Gicht hole ich mir lieber vom Most." Seine Haushaltskosten sind nahe null, er isst immer auswärts.

Rom und der Vatikan, wo er studiert hat, waren zwar auch super, aber wer will schon die ganze Zeit Latein reden und italienisch essen? Allein im letzten Mai hatte er hier 30 Maiandachten zu feiern, das hieß 30 verschiedene Speckjausen, aber auch 30 verschiedene Moste. Was Moste anbelangt, ist er bekennender Fan, er teilt die produzierenden Bauern ein nach: Hat immer einen guten; hat ab und zu einen schlechten; hat immer einen schlechten.

Wer einen guten Most hat, der erhöht mit Sicherheit seine Chancen, in den Himmel zu kommen, aber leider sind die schlechten in der Überzahl. Darum trinkt er auch gerne Wein, allerdings nie mehr als drei Spritzer pro Tag, wie er versichert. Das kann man ihm glauben, oder man schaut sich die Fotos von seinem zurückliegenden 60er an, wo er eine Mass Bier wegstemmt wie nichts. Wer viel redet, der wird viel durstig. Von fünf Uhr morgens bis um Mitternacht ist er jeden Tag auf den Beinen im Dienste seines Herrn. Zu Mittag lauscht er eine Stunde dem Kopfpolster, aber dann redet wieder er.

Sein Job heißt Verkündigung, und bisweilen ist das sogar für ein Spitzentalent wie ihn ein harter Job. Zu Beginn seines wöchentlichen Glaubenskreises kamen heuer nur zwei Leute. Die wollten gleich wieder gehen, aber er sagte: "Los, los!" Das Skript, das er selbst vorbereitet hatte, war 120 Seiten dick, da darf man keine Zeit verlieren. Beim zweiten Termin kamen dann schon drei Schafe mehr.

Er ist ein unermüdlicher Arbeiter wie mein Vater, er bohrt dicke Bretter mit dickem Bohrer, sein Selbstbewusstsein ist - vorsichtig formuliert - gesund, Provokation liegt ihm im Blut, aber sie ist kein Selbstzweck. Keine Reibung heißt keine Energie heißt kein Weiterkommen auf dem Weg hin zum Ziel. Dort wird am Ende Bilanz gezogen, dort wird abgerechnet, dort trennt sich die Spreu vom Weizen.

Wer in den Himmel kommen will, der muss sich strecken, so steht es geschrieben. Immerhin hat er mit seiner Botschaft einen der Problemwirten der Gegend dazu bewogen, sich regelmäßig zu einer Stunde Anbetung in die Kirche zu setzen, sein Gott will nicht allein sein. Und auch wenn beim Anbeten, nach allem, was man auf der Welt so sieht, nicht viel rauskommen mag, so haben dabei wenigstens ein paar Leute ihr Handy abgedreht.

Schlimmer als schlechter Most

Dass der Pfarrer für seine Verkündigung nicht Facebook verwendet, muss man ihm hoch anrechnen, einer wie er twittert nicht, sondern schreibt Pfarrbriefe. Seine Predigten liegen als MCs (Musikkassetten) in der Kirche auf, es soll also am Ende keiner sagen können, er hätte ihn nicht zumindest auf analogem Wege gewarnt.

In seinem schwarzen VW Jetta fährt er zu jedem hin, von dem er weiß, dass seine Seele nach Rettung schreit, Seelsorge ist sein zweites Standbein. Nicht alle werfen ihn dabei raus, im Gegenteil.

Die Not der Menschen ist groß, weiß er zu erzählen, und man muss dafür nicht nach Syrien schauen. Dass alles in Zukunft noch viel schlimmer wird, ist für ihn klar, und dass sich vieles in eine falsche Richtung entwickelt, sieht der Fußballfan auch am Platz: Schiedsrichter in rosa Leibchen? Das ist für ihn schlimmer als schlechter Most. Einer wie er sieht schwarz und trägt schwarz, so wie es früher auch für Schiedsrichter Pflicht war.

Besorgt erzählt er von der Zunahme psychischer Erkrankungen in seiner Gemeinde, von den vielen Selbstmorden, von der grassierenden Geldnot. Oft haben Familien schon zur Monatsmitte nichts mehr zu essen. Da greift er dann auch selbst mal in die Tasche und teilt kräftig aus, und zwar zur Abwechslung mal nicht verbale Watschen, sondern Cash. Erst vor ein paar Wochen war er in Lemberg in der Ukraine und hat einen Haufen Geld verteilt, bald kommen peruanische Nonnen, an die er die Spende eines Schafes aus seiner Herde weiterreichen wird.

Selbst vermisst er Frau oder Familie gar nicht, und man glaubt es ihm. Frei nach Tolstoi: Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, er selbst ist froh, wenn er am Abend allein nach Hause kommt. Er hat drei oder vier wirklich gute Freunde, allesamt Pfarrer, das Herumgetue mit den Kindern in den Familien geht ihm oft furchtbar auf die Nerven. Dieses ständige "Dubistabersüß!" führt seiner Meinung nach zu gar nichts.

Wer jemals einen Elternabend besucht hat, der weiß, wovon der Pfarrer redet. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ein Stiefelknecht wie er dort ein wenig Struktur reinbringen würde, auch in jede nächtliche U-Bahn oder in die Zugabteile der ÖBB. Laissez faire ist natürlich super, aber halt auch nur, solange im Zug keiner neben dir den Nudelsalat seiner Mutti auspackt und nebenher mit ihr telefoniert: "Schmeckt lecker!" Riecht aber zum Kotzen.

Dass er sich mit seinen Sprüchen oft genug verrennt, hat ihn den Job als Bischof gekostet. Karrieretechnisch hat er keine Aussichten mehr, dafür genießt er von seinem hochgelegenen Pfarrhof aus die gute Aussicht auf die Berge. Hoch hinaus geht es für ihn nur noch, wenn er Bergmessen feiert oder auf die Kanzel steigt. Schlecht? Nein. Hängt er halt noch 24 Jahre in Windischgarsten dran, das heißt noch 720 Maiandachten und Speckjausen mehr. Dann wird er 84 Jahre alt sein und 50 davon hier Pfarrer. So etwas nennt man gelungenes Leben.

Als es finster wird, lassen wir die Toten auf seinem Friedhof allein. Was theologische Fragen anbelangt, halte ich mich auch nach diesem Spaziergang lieber an die Expertise meiner Tochter. Sie trug Weiß beim Begräbnis meines Vaters und lief fröhlich mit ihrer Freundin zwischen den Gräbern herum, die Sonne schien, und die Leute sagten später: ein Fest. Was das Leben in seiner ganzen Herrlichkeit anbelangt, hat aber auch der Herr Pfarrer einiges Vernünftige zu sagen, also gehen wir beschwingt zu denen, die auf Erden dem Paradies vielleicht am Nächsten sind, den Stammtischbrüdern. Sie suchen Halt und finden ihn am Bierkrug. Der Wirt, der im Ort die meisten Zehrungen=Leichenschmäuse ausrichtet, beklagt seinerseits die vielen "Dosenbegräbnisse", auch reine "Verabschiedungen" setzten ihm geschäftlich zu. 17 bis 20 Euro pro Nase pro Begräbnis kalkuliert er.

Noch eine Ewigkeit Zeit

Früher gab's nur Rindfleisch mit Semmelkren, heute sind bei jeder Leich' immer auch drei dabei, die nur Gemüse wollen. Eine Entwicklung, die der Pfarrer gar nicht gutheißt: "Gemüse kann nie Hauptspeise sein, immer nur Zuspeise!" Darüber sollte er mal einen Hirtenbrief schreiben, er jedenfalls isst keinen "Salatstrudel". So wie mein Vater. Die beiden hätten sich gut verstanden, wären nicht beide so stur gewesen, davon bin ich heute überzeugt. Aber zur Versöhnung haben sie ja noch eine ganze Ewigkeit Zeit.

Für alle Besoffenen am Stammtisch hat der strenge Pfarrer am Schluss dann sogar noch eine frohe Botschaft: "Der Zustand der Besoffenheit endet im Augenblick des Todes."

Es müssen hinter einem also nicht gleich die Engerl saubermachen. (Manfred Rebhandl, Album, DER STANDARD, 31.10./1./2.11.2014)

Manfred Rebhandl, geb. 1966 in OÖ, ist seit 1995 freier Autor und lebt in Wien. Zuletzt erschien "In der Hölle ist für alle Platz" (Czernin).

  • Pfarrer Wagner: Dass mein Vater ihn weggeschickt hat, als er bei ihm war, steckt der Pfarrer weg wie nichts, als LASK-Anhänger ist er an Niederlagen gewöhnt.
    foto: ap

    Pfarrer Wagner: Dass mein Vater ihn weggeschickt hat, als er bei ihm war, steckt der Pfarrer weg wie nichts, als LASK-Anhänger ist er an Niederlagen gewöhnt.

  • Als es finster wird, lassen wir die Toten auf seinem Friedhof allein ... und gehen beschwingt zu denen, die auf Erden dem Paradies vielleicht am nächsten sind, den Stammtischbrüdern.
    foto: dpa/patrick seeger

    Als es finster wird, lassen wir die Toten auf seinem Friedhof allein ... und gehen beschwingt zu denen, die auf Erden dem Paradies vielleicht am nächsten sind, den Stammtischbrüdern.

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