"IS bekämpft Trennung von Staat und Religion"

30. Oktober 2014, 17:30
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Britische Forscherin sieht EU-Außenpolitik noch in der Logik des Kolonialismus

"Europäische Nationalstaaten haben die modernen Nationalstaaten Syrien und Irak hinterlassen. Jetzt werden sie gerade von den unglaublich grausamen Kriegern des 'Islamischen Staats' wieder zerrissen", sagte Karen Armstrong, 69-jährige britische Religionsforscherin, dem STANDARD. Mit ihrem neuen Buch "Im Namen Gottes" (eben erschienen bei Pattloch, München) war sie diese Woche auf Vortragsreise in Deutschland.

Die Gründe lägen aber nicht - was man in Westeuropa gerne glaubt - in einem Konflikt zwischen den Religionen, namentlich dem Christentum und dem Islam. Hauptmotiv sei der Versuch zu verhindern, dass auch in der arabischen Welt Politik und Religion getrennt würden. Für die muslimischen Traditionalisten seien sie, wie im "Abendland" vor der Aufklärung, vereint. Das sei der Kampf der IS, der auch für die Türkei gefährlich werden könne.

Die Vorstellung, die Enthauptung westlicher Geiseln gehöre als Attribut der Grausamkeit zur Religion, sei falsch. Denn selbst der Nationalstaat westlicher Prägung habe noch lang nach der Aufklärung die Unterdrückung von Minderheiten und ethnische Säuberungen zum Programm gemacht. Armstrong: "Konzentrationslager gab es in unmittelbarer Nähe zu Universitäten, den Tempeln der Vernunft." Selbst die rassistischen Komponenten spielten dabei immer noch eine Rolle. Siehe Türkei.

"Die Türken sind keine klassischen Europäer. Sie sind auch keine Araber", bei deren religiösen und weltlichen Eliten immer noch die osmanische Herrschaft nachwirke: "Hier wie dort gibt es tiefsitzenden Widerstand." Dazu komme, dass die Türken wie eine Kolonialmacht einen Genozid, den an den Armeniern, zu verantworten hätten.

Eine der fragwürdigsten Argumentationen, beispielsweise in der Frage des türkischen EU-Beitritts, sei die These, man könne nicht eine islamische Gesellschaft in eine "christliche Zivilisation" inkorporieren. Armstrong: "Westeuropa ist bereits weit weg vom Christentum. In Großbritannien gehen nur noch sechs Prozent der Bevölkerung zu Gottesdiensten. Die große Mehrheit dieser sechs Prozent aber sind Einwanderer."

Die Außenpolitik der EU-Staaten agiere jedoch immer noch nach den Denkschemata des Kolonialismus. (Gerfried Sperl aus Stuttgart, DER STANDARD, 31.10.2014)

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