Das letzte Lied ist das erste, das egal ist

2. November 2014, 09:00
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Begräbnismusik - lieber nicht. Vorabdruck aus dem Band "Das letzte Lied", der dieser Tage bei Milena erscheint

Wenn es so weit ist, ist es zu spät. Das wussten schon die Bankberater. Deshalb haben sie sich einst den Slogan "Man muss rechtzeitig drauf schaun, dass man's hat, wenn man's braucht" einfallen lassen. Dabei verströmten Bankmenschen noch nicht jenen Untergangsgeruch, den man heute mit ihnen assoziiert. Aber das führt in die falsche Grube.

Es geht um den finalen Klang, das letzte Lied. Jenes Stück Musik, das man gespielt haben möchte, wenn man von der Erdoberfläche verschwindet. "Sooner or later we all make the little flowers grow", hat Lee Hazlewood gesungen. Recht hatte er, der Lee, selig.

Um das letzte Lied hat man sich aber vorab zu kümmern. Zu Lebzeiten. Es ist so eine Art letzter sozialer Akt. Wobei die Hinterbliebenen der Gefahr ausgesetzt sind, dass es ein letzter asozialer Akt genauso gut sein könnte. Schließlich taugt ein zu Lebzeiten von Worten und Taten erfülltes "Bei mir sads olle im Orsch daham" natürlich auch als letzter akustischer Wink mit dem Stinkefinger. Der zeitigte zumindest bei jenen Begräbnisbesuchern Wirkung, die nicht aus Anteilnahme den Weg an den Stadtrand auf sich genommen haben, sondern nur um sich zu vergewissern, dass man endlich tatsächlich abgebissen hat. Aber sind einem die Arschlöcher des Lebens im Tod plötzlich so viel Aufmerksamkeit wert? Nein. Ein letztes Lied lässt man nicht für die Arschlöcher spielen. Nicht einmal für sich selber. Es sei denn, man hängt dem weit verbreiteten Aberglauben nach, der in Aussicht stellt, dass man die eigene Hinablassung ins Loch bereits mit Flügerln auf dem Rücken von einer Wolke aus beobachtet. Dann wäre ein Lied von Joanna Newsom vielleicht angebracht, wegen der Harfe.

Ein letztes Lied spielt man, wenn man es denn tut, für jene, die da jetzt am Friedhof mit hängenden Gesichtern rumstehen und einen vermissen. Man hat also die Wahl zwischen Durchhalteparolen, irgendwie erhebendem Liedgut oder einer letzten Wuchtel. Zum Beispiel Don't Stop Me Now von Queen, während der Sarg ins Loch fährt. Hab ich letztens wo gelesen. Klingt lustig, geht aber nicht, weil Queen eine Scheißband war. Außerdem ist die Pointe im Wind, wenn man eine Einäscherung samt Verblasung der Asche irgendwo in die Pampa verfügt hat. Anlässlich dessen könnte der Soul-Mann Syl Johnson Anyway the Wind Blows singen. Das ist ein schönes Lied.

Soul wäre überhaupt eine sichere Bank. Wenn es nicht gerade Barry White ist, der schnell noch einmal Liebe machen möchte und dann sieben Minuten gottvoll stöhnt, wie sehr er sein Baby schindet. Aber so ein wenig aus dem Gospel kommende, den Himmel anschmachtende Formeln der Erlösung, die zeitigten schon Wirkung. Andererseits - nein. Man möchte nicht im letzten Moment vor der Religion in die Knie gehen. So schön Al Green God Is Standing By singt, für mich ist das nichts. Nicht einmal O. V. Wright darf ran.

Das letzte Lied ist egal. Vollkommen. Mir zumindest. Das letzte Lied ist das erste, um das ich mich nicht mehr kümmern muss. Ich hab dann ausgespielt. Die Musik gehört den Lebenden, nicht den Toten. Das letzte Lied ist Teil des Erbes, mit dem sich die Hinterbliebenen herumschlagen müssen. Das tut mir leid. Und denen vorzuschreiben, was sie einem für einen letzten musikalischen Gruß nachzuschicken haben, wäre anmaßend. So als würde man ihnen Haus und Hof vermachen, aber verfügen, wo die Topfblumen zu stehen haben. (Karl Fluch, Album, DER STANDARD, 31.10./1./2.11. 2014)

  • Es handelt sich bei diesem Text um einen Vorabdruck aus dem von Wolfgang Pollanz und Wolfgang Kühnelt herausgegebenen Band "Das letzte Lied. Songs zum Abschiednehmen" (€ 18,90, Milena-Verlag) mit Begräbnismusik-Vorschlägen von Austrofred, Martin Amanshauser, Ernst M. Binder, Martin Blumenau, Walter Gröbchen, Rainer Krispel, Ernst Molden, Klaus Nüchtern, Fritz Ostermayer, Kurt Palm, Wolfgang Paterno, Kurt Razelli, Monique Schwitter, Clarissa Stadler, Linda Stift u. a.
    foto: milena

    Es handelt sich bei diesem Text um einen Vorabdruck aus dem von Wolfgang Pollanz und Wolfgang Kühnelt herausgegebenen Band "Das letzte Lied. Songs zum Abschiednehmen" (€ 18,90, Milena-Verlag) mit Begräbnismusik-Vorschlägen von Austrofred, Martin Amanshauser, Ernst M. Binder, Martin Blumenau, Walter Gröbchen, Rainer Krispel, Ernst Molden, Klaus Nüchtern, Fritz Ostermayer, Kurt Palm, Wolfgang Paterno, Kurt Razelli, Monique Schwitter, Clarissa Stadler, Linda Stift u. a.

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