Georg Trakls 100. Todestag: Die Disharmonien der Zeit

31. Oktober 2014, 17:42
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Schwarze Verwesung und weiße Engel: Zum hundertsten Todestag des Dichters Georg Trakl am 3. November ist eine ganze Reihe lesenswerter Büchern erschienen

O stolzere Trauer! Ihr ehernen Altäre / Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz, / Die ungebornen Enkel." - Mit diesen Zeilen endet Georg Trakls Gedicht Grodek. Der Autor und sein Gedicht findet sich in diesem Jahr oft an prominenter Stelle von Publikationen, die sich mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzen. 100 Jahre ist es her, dass dieser erste Weltenbrand begann, 100 Jahre ist es her, dass Georg Trakl sich das Leben nahm.

Der ausgebildete Apotheker diente in der k. u. k. Armee als Militärmedikamentenakzessist, stand also im Leutnantsrang. Um den ostgalizischen Ort Gródek kam es im Spätsommer zur Schlacht zwischen österreichisch-ungarischen und russischen Truppen. Die Russen waren überlegen, bald türmten sich die Leichenhaufen. Trakl hatte vor Ort rund neunzig Schwerverletze ohne ärztliche Assistenz zwei Tage lang zu versorgen. "Was kann ich tun? Wie soll ich helfen? Es ist unerträglich", soll er geschrien haben. Nach der Schlacht schien sich Trakl wieder zu beruhigen, aber nur scheinbar: Am 3. November 1914 starb Georg Trakl an einer Überdosis Kokain.

Der 1887 in Salzburg geborene Dichter war zu Lebzeiten kein Unbekannter. Künstler wie Karl Kraus, Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn und Rainer Maria Rilke verehrten ihn, ebenso Ludwig von Ficker, in dessen Kunstzeitschrift Der Brenner Trakl regelmäßig publizierte. Das ist bis heute so geblieben. Das Münchner Lyrikkabinett hat die Publikation Trakl und wir herausgegeben, in dem Autoren auf ein Gedicht Trakls mit einem eigenen lyrischen Text antworten - unter ihnen findet man Friederike Mayröcker, Christoph W. Bauer, Nora Gomringer, Michael Lentz, Durs Grünbein. Dennoch: Georg Trakls Gedichte und lyrische Prosa haben wenig Positives zu vermelden, sie wirken dunkel, morbide, sind daher für manche der Spiegel für seine negative Weltsicht.

Aber man sollte genauer hinsehen. Im Kriegsgedicht Grodek wird von "tödlichen Waffen" gesprochen, aber es gibt auch "die goldnen Ebenen / Und blauen Seen". "Alle Straßen münden in schwarze Verwesung." - Allerdings: "Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen." Und sind es nicht die am Schluss des Gedichts angesprochenen "ungebornen Enkel", die das Wissen um den Schrecken des Krieges in sich tragen sollen, damit nie wieder Ähnliches passiere? Die Engel in vielen seiner Gedichte sind zwar "gefallene Engel", aber man erinnert sich noch der einen Geschichte: "Ein weißer Engel sucht Marien heim." Auch die so düstere Natur ist es bei Trakl nicht immer. So endet das Gedicht "Im Frühling" mit den Zeilen: "Balde an verfallener Mauer blühen / Die Veilchen, / Ergrünt so stille die Schläfe des Einsamen."

Sicher, Georg Trakl war keine Frohnatur - aber welcher Dichter ist das schon. Er spürte seismografisch die Disharmonien seiner Zeit auf, vor allem sah er den langsamen Verfall des Habsburgerreiches. Eine gewisse Misanthropie zeichnete Trakl aus. Die Wiener mochte er nicht: "Mir ist nichts widerlicher, als ein forciertes Betonen der Gemütlichkeit!"

Auch mit seiner Geburtsstadt Salzburg haderte er: "Wie dunkel ist diese vermorschte Stadt voll Kirchen und Bildern des Todes." Trakl war zwar ein Einzelgänger, aber beileibe kein "poète maudit", kein verfemter Autor. Was ihn an den Rand der Gesellschaft rückte, war seine Sprachkraft. Manchmal nahm Trakl sogar die kühnen Metaphern des Surrealismus vorweg, etwa "Verwesung traumgeschaffener Paradiese".

Die Surrealisten und Trakl hatten gemeinsame Vorbilder: Paul Verlaine und Arthur Rimbaud. Ohne Zweifel gehen die vielfältigen Farb- und Tönespiele, die Synästhesie, also die Vermischung mehrerer Sinnesebenen, bei Trakl auf seine Rimbaud-Lektüre zurück. Seine vielfältige Naturmetaphorik fand er in den Gedichten von Novalis und Nikolaus Lenau vorgeformt. Über vieles von all dem weiß die neue Trakl-Biografie von Rüdiger Görner zu berichten. Das Besondere an diesem Buch ist zweierlei: Erstens kann der Germanist Görner erzählen und langweilt nicht mit literaturwissenschaftlichen Exegesen. Zum anderen nimmt sich der Autor einzelne Gedichte von Trakl vor und interpretiert diese behutsam. Das ist eine schöne Handreiche an den Leser, denn die symbolträchtigen Gedichte Trakls verlangen ein sinnliches, aber auch ein verständiges Lesen.

Das einzige Manko von Görners Biografie: Das Buch hat keinen Bildteil. Richtig schöne, großformatige Fotos zu Trakls Leben bietet hingegen die Kurzbiografie von Gunnar Decker. Viel Text und ein wenig Bilder beinhaltet die nun überarbeitete Biografie Trakls von Hans Weichselbaum. Wer vor allem über Leben und Wirkungsgeschichte des Autors Genaues erfahren möchte, wird um dieses Buch nicht herumkommen. Und bei Weichselbaum findet sich die vielleicht schönste Einschätzung von Trakls Gedichten - sie stammt von Ludwig Wittgenstein: "Ich verstehe sie nicht, aber ihr Ton beglückt mich. Es ist der Ton der wahrhaft genialen Menschen." (Andreas Puff-Trojan, Album, DER STANDARD, 31.10./1./2.11. 2014)

Rüdiger Görner, "Georg Trakl. Dichter im Jahrzehnt der Extreme". € 25,60 / 351 Seiten. Zsolnay, Wien 2014

Hans Weichselbaum, "Georg Trakl. Eine Biographie". € 24,- / 224 Seiten. Otto Müller, Salzburg 2014

Gunnar Decker, "Georg Trakl". € 20,50 / 96 Seiten. Dt. Kunstverlag, Berlin 2014

Mirko Bonné und Tom Schulz (Hg.), "Trakl und wir. Fünfzig Blicke in einen Opal". € 22,70 / 196 Seiten. Stiftung Lyrik Kabinett, München 2014

Georg Trakl, "Das dichterische Werk aufgrund der historisch-kritischen Ausgabe von Walther Killy". € 10,20 / 333 Seiten. dtv, München 1998

Hinweise: Siehe auch Christoph W. Bauers Vaganten-Gruß Seite A 6

Rüdiger Görner stellt seine Trakl-Biografie am 4. November um 19 Uhr in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur in Wien vor.

www.ogl.at

  • "Balde an verfallener Mauer blühen / Die Veilchen, / Ergrünt so stille die Schläfe des Einsamen": Georg Trakl im Gedicht "Frühling".
    foto: georg-trakl-forschungs- & gedenkstätte

    "Balde an verfallener Mauer blühen / Die Veilchen, / Ergrünt so stille die Schläfe des Einsamen": Georg Trakl im Gedicht "Frühling".

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