Andrea Stift: Was ist das, ein Familienfest?

2. November 2014, 08:00
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Am 1. November jedes Jahres trifft sich meine Familie zu einem ausgedehnten Mittagessen. Diese Treffen gibt es seit bald dreißig Jahren. Eine Tradition, die auf sich selbst beruht. Über die Selbstvergewisserung familiärer Bande

Da ist immer ein Onkel, der zu laut redet. Und es gibt immer eine Tante, die zu viel trinkt. Die Großeltern leiden an beginnender Demenz und wollen sich an nichts mehr erinnern, außer, wie man unbeobachtet in der Nase bohrt. Alle Enkelkinder sind unerzogen und lästig. Man hört Geschichten zum siebzehnten Mal in kaum abgeändertem Wortlaut und antwortet auf Fragen, die einem alljährlich gestellt werden. Was ist das? Ein Familientreffen.

Am 1. November jedes Jahres trifft sich meine Familie zu einem ausgedehnten Mittagessen in einem Wirtshaus der Wahl. Dieses Treffen gibt es seit bald dreißig Jahren, und ich glaube, man kann es mittlerweile als Tradition bezeichnen. Eine Tradition, die auf sich selbst beruht und in der nicht viel mehr weitergegeben wird als die Selbstvergewisserung familiärer Bande.

Eingeführt wurde dieses Treffen meines Wissens nach (denn ich war noch ein Kind), weil sich zu Allerheiligen ohnehin immer alle Verwandten väterlicherseits am Familiengrab einfanden. Warum sich dann nicht gleich zusammensetzen? Man sieht sich ja sonst nicht unterm Jahr. Ein Onkel übernahm das Zepter der Organisation, und er hat es unbedankt bis heute inne.

Bei uns ist es also Allerheiligen, bei anderen der Muttertag. Weihnachten oder in größerem zeitlichem Abstand ein auftauchender runder Geburtstag. Immer ist es ein großer Auflauf und sehr erschöpfend, aber auch irgendwie schön.

Die Aufregung davor ist viel größer als die Entspannung danach. Beim Zusammensein zeigt man unauffällig seine Karrieren her wie auch neue Autos, Fernreisen in exotische Länder und austauschbare Babyfotos der Nachkommenschaft. Die Ergebnisse der letzten Crash-Diät werden in enge Kleidung gepresst zur Schau gestellt und souverän gelabelt als Ernährungsumstellung.

Damals, als ich noch Kind war, hatte ich Scheu vor all diesen wohl gekleideten und gut riechenden Erwachsenen, die größtenteils in einem Alter waren, über das ich heute schon hinaus bin. Die Scheu hatte ich von meiner Mutter übertragen bekommen, die dem Alkohol anheimgefallen war und ihrer verlorenen Schönheit nicht zu Unrecht nachtrauerte.

Weil sie diese Schönheit nicht mehr ausstellen konnte, ging sie zu den Familientreffen schlicht nicht mehr hin. Vielleicht auch, weil sie wusste, was passieren würde, wenn alle rund um sie herum wie selbstverständlich Alkohol tranken. Das eine Mal, bei dem man sie überreden konnte, teilzunehmen, war für mich eine Katastrophe. Alle anderen fanden es witzig, so wie angeheiterte Erwachsene andere angeheiterte Erwachsene witzig finden, vor allem, wenn sie die nicht jeden Tag erleben müssen.

Familiengeschichtenoverkill

Bei dieser einmaligen Teilnahme meiner Mutter blieb es. Sie verweigerte auch, weil sie sich nicht schick genug fühlte, weil sie befand, dass alle anderen weiblichen Mitglieder der Familie ja doch nur ihre neuesten Pelzmäntel herzeigen wollten und obendrein mit viel zu viel Schmuck und Schminke dekoriert seien. Meine Mutter blieb zu Hause, während ich mitfuhr, und damals wusste ich oft nicht, wer von uns beiden es in diesem Moment wohl besser getroffen hatte.

Ich wurde erwachsen und begann, die wiederkehrenden Zusammenkünfte der Verwandtschaft mit wohlwollenderen Augen zu betrachten. Ich brachte zwei Kinder zur Welt und nahm sie zu den Treffen mit.

Ein Herkunftsinteresse erwachte in mir, ich wollte herausfinden, was es mit diesem losen Zusammenhalt auf sich hatte, ich wollte wissen, welche Geschichte uns alle verband.

Mein erstes Buch schrieb ich aus diesem Interesse heraus über meine Urgroßmutter, die ich nie kennengelernt hatte, von der aber alljährlich die Rede war. Mein Interesse war lange Zeit sehr groß, und irgendwann war es das plötzlich nicht mehr. Ich hatte einen Familiengeschichtenoverkill erlitten. Zu oft hatte man mir gesagt, welche positiven, gar stolzen Dinge ich mit dieser Familie zu verbinden hatte, die nicht so tollen Dinge wurden immer ausgespart. Heute betrachte ich das Familientreffen als alljährliches Zusammenkommen guter Freunde oder Bekannter. Wer mit wem wie und ob überhaupt verwandt ist, habe ich bei vielen mittlerweile wieder vergessen.

Das Muster eines Familientreffens ist universal. Trifft man sich nicht zu festgelegten Zeitpunkten, dann springen Hochzeiten oder Begräbnisse ein - da hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht viel geändert. Dramen, wie sie in Verfilmungen wie Das Fest nachgezeichnet werden, finden im realen Leben nur selten bis nie statt. Manchmal will man es einfach nur hinter sich bringen, weil man grad so gar nicht in Stimmung ist. Man freut sich dann doch über jedes aufgetauchte Gesicht, es wird gelacht, gegessen, geredet - sehr viel geredet. Man ruft über den Tisch, man wechselt die Sitzgelegenheiten, um mit möglichst allen kurz ins Gespräch zu kommen, Onkeln, Wahltanten, Großcousinen und Neffen. Möglichst viele Informationen in möglichst kurzer Zeit. Geheimnisse werden unter dem Siegel der Verschwiegenheit verbreitet. Am schönsten ist es, wenn man nach dem Treffen nicht alleine nach Hause gehen muss, sondern mit einem kleinen Teilnehmerrest die Dinge nachbesprechen kann. Bei den Nachbesprechungen erfährt man dann erst die richtig interessanten Dinge.

Weil alles weitergehen muss

Und manchmal stirbt einer, der immer dabei war. Die Treffen finden trotzdem statt. Weil alles weitergehen muss. Aber muss es das? Die Angeheirateten oder sonst wie in den Familienverband Katapultierten haben oft keine über anfängliche Neugier hinausgehende Lust, sich regelmäßig den Schrullen der Verwandtschaft des Partners auszusetzen.

Vor allem, weil sie ja selbst meist eine Familie haben, die sich regelmäßig trifft. Der Nachwuchs kennt sich untereinander kaum. Er teilt keinen Kindergartenbesuch, keine gemeinsame Schulzeit, keine Orte des Aufwachsens und keine gemeinsame identitätsstiftende Erinnerung. Die Mitglieder der Familie verstreuen sich immer weiter in die Welt hinaus und in anstrengende Karrieren, die es oft nicht einmal möglich machen, sich einen Tag im Jahr freizuhalten. Oder das Treffen ist halt dann doch nicht so wichtig. Ein Familientreffen ist eben kein Begräbnis, und also solches noch halbwegs mit einer höflichen Ausrede zu vermeiden. Traditionen kippen schnell, auch wenn man sie schon etabliert glaubt. Bei uns zum Beispiel finden die Treffen nicht, wie in der Anfangsphase, in der Nähe des Friedhofs mit dem Familiengrab statt, sondern in der Landeshauptstadt. Warum das so ist, weiß niemand.

Es ist nie genug

Sollte unsere Zusammenkunft irgendwann einmal nicht mehr stattfinden, muss man meiner Familie väterlicherseits zumindest zugutehalten, dass sie es so lange durchgehalten hat. Die mütterliche Linie hingegen auf einen Fleck zu bringen ist tatsächlich immer nur bei den Begräbnissen gelungen, die Schar der Mitglieder ist dort so groß, dass ich selbst nur einen Bruchteil persönlich kenne. Bereits wenige Tage nach dem Leichenschmaus habe ich einzelne Tanten und Onkel schon wieder vergessen, es sei denn, es handelt sich um den soeben Verstorbenen.

Manchmal gehe ich aus dem Familientreffen mit einem Gefühl der Unzulänglichkeit heraus. Ich denke, so geht es nicht nur mir. Egal, was man hat und was man vermag an Persönlichkeit oder Erfolg oder Glück, es ist nie genug.

Sie, die Tanten und Onkel und Großeltern, finden immer den wunden Punkt und hacken nonchalant lächelnd darauf rum. Dabei geht es ihnen doch vermutlich gleich mit ihren Schwächen.

Nichtsdestotrotz bin ich doch froh, dass meine Verwandten sich noch treffen - es gibt ja auch die Familien, deren Mitglieder sich nicht ausstehen können. Weil einmal etwas stattfand, ein Verrat, ein Streit, eine Erbschaft - eine Kleinigkeit, die aber die Kraft hatte, die losen Bande ganz zu durchtrennen. Da ist mir unsere Variante lieber. Und natürlich habe ich keine nasebohrenden Großeltern.

Alle Personen im Text sind natürlich frei erfunden. (Andrea Stift, Album, DER STANDARD, 31.10./1./2.11.2014)

Andrea Stift, geboren 1976, ist freie Autorin und Schriftstellerin. Sie lebt in Wien und Graz. Sie studierte Sprachwissenschaften und Germanistik. Im Herbst erschien ihre neue Erzählung "Auf Watte" bei Leykam.

  • Immer ein Onkel, der zu laut redet, und eine Tante, die zu viel trinkt. Aber Dramen, wie sie in Verfilmungen wie "Das Fest" von Regisseur Thomas Vinterberg (Bild) nachgezeichnet werden, sagt Autorin Stift, finden im realen Leben nur selten bis nie statt.
    foto: das fest / thomas vinterberg dk 1998

    Immer ein Onkel, der zu laut redet, und eine Tante, die zu viel trinkt. Aber Dramen, wie sie in Verfilmungen wie "Das Fest" von Regisseur Thomas Vinterberg (Bild) nachgezeichnet werden, sagt Autorin Stift, finden im realen Leben nur selten bis nie statt.


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