Was ist das Beste für die Kinder?

Kolumne2. November 2014, 17:00
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Nicht selten stehen Eltern vor einer Entscheidung zwischen Pest und Cholera

Eine Mutter fragt:
Es fällt mir schwer herauszufinden, was das Beste für meine Kinder ist. Was im ersten Moment gut erscheint, mag vielleicht auf lange Sicht eine schlechte Lösung sein. Ich möchte die beste Entscheidung treffen, die meinen Kindern am wenigsten schadet.

Wir haben drei Kinder, ein Mädchen (fünf Jahre) und zwei Buben (zwölf und 13 Jahre). Vor drei Jahren sind wir von der Stadt in meinen kleinen Heimatort gezogen. Die Buben hatten diesbezüglich gemischte Gefühle. In gewisser Weise war es schön, in der Nähe meiner Familie zu sein, die wir vorher nur sehr selten gesehen hatten. Andererseits war es auch schwierig, die Gemeinschaft zu verlassen, die unsere Kinder seit ihrer Geburt gekannt hatten.

Letztlich war es wohl keine gute Entscheidung, denn sie endete mit einer Scheidung, und vor einem halben Jahr zog mein Mann zurück in die Stadt. Eigentlich muss ich ja Ex-Mann sagen. Für die Kinder funktioniert es ganz gut. Im Frühling haben wir ihn in seinem neuen Haus besucht und im Sommer eine Woche Urlaub zusammen verbracht. An jedem zweiten Wochenende sind die Kinder bei ihm. Wir Eltern denken, dass es so für die Kinder leichter ist und wir ihnen damit vermitteln, dass sie keinen von uns verlieren werden und sich so an die neue Situation gewöhnen können.

Die Buben traf die Nachricht von der Trennung hart. Inzwischen kommen sie damit ganz gut zurecht. In der Schule geht es ihnen gut, sie haben Freunde, und es stellt sich eine Familienroutine ein. Bei ihrem Vater vermissen sie ihre Freunde und die gemeinsamen Aktivitäten im Dorf. Wenn sie im ehemaligen Zuhause viel unternehmen, braucht es ein paar Tage, bis sie sich hier wieder umgewöhnen.

Für unsere Tochter scheint es einfacher zu sein. Sie ist hier angekommen, und es scheint, als ob sie die Trennung gut überstanden hätte. Sie ist immer noch Papas Mädchen und hat früher oft gesagt, dass sie ihn vermisst. Mittlerweile hat sie kaum mehr Zeit, mit ihrem Papa zu sprechen, wenn er anruft, weil sie in ihr Spiel vertieft ist.

Mein Dilemma ist, dass mein Ex-Mann hier sehr unglücklich war und deshalb wieder zurück in die Stadt wollte. Ich denke jetzt darüber nach, wieder in seine Nähe umzuziehen, damit die Kinder wieder in seiner Nähe sind. Die Buben kommen in die Pubertät und werden ihren Vater vielleicht mehr brauchen als bisher. Sie haben ein gutes Verhältnis zu ihm. Unser Mädchen soll auch eine gleich gute Beziehung zu ihm aufbauen können. Aber all das würde bedeuten, dass wir wieder eine Gemeinschaft verlassen, in der sie sich eingefunden haben.

Allein der Gedanke, ihnen wieder zu sagen, dass wir eine Entscheidung getroffen haben, ohne sie zu fragen, würde sich so anfühlen, als ob ich aufgegeben hätte. Wie finde ich heraus, was das am wenigsten Schädliche für die Kinder ist, die ja schon zwei sehr einschneidende Veränderungen erlebt haben?

Antwort von Jesper Juul:
Ja, es ist sehr schwierig zu wissen, was das Beste für die Kinder ist. Nicht selten stehen Eltern vor einer Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Genau deshalb können wir nur über das Bestmögliche sprechen. Das ist jedoch aus zwei Gründen nicht meine Einschätzung Ihre Familie betreffend. Sie und Ihr Ex-Mann haben eine vernünftige Beziehung miteinander, und Ihre Kinder sind alt genug, um Ihnen Folgendes vorzuschlagen:

Setzen Sie sich alle fünf zusammen und sprechen Sie offen über Ihre Gedanken und dass Sie darüber nachdenken, wieder in die Stadt umzuziehen.

Die Gesichter der Kinder werden Ihnen sofort zeigen, was sie dazu meinen. Trotzdem sollten Sie ihnen die Möglichkeit geben auszusprechen, was sie fühlen. Schlafen Sie eine Nacht darüber und starten Sie einen zweiten Durchgang am nächsten Tag.

Danach entscheiden Sie als Eltern, ob Sie noch mehr Zeit für eine Entscheidung brauchen. Stellen wir uns vor, dass die Kinder der Meinung sind, dass es eine großartige Idee ist, wieder in der Stadt zu wohnen. Dann können Sie ihnen folgende Frage stellen: "Wie würde es für euch sein, wenn ich entscheide, dass wir hier bleiben, wo wir jetzt sind?"

Ich möchte betonen, dass es nicht darum geht, den Kindern eine große Entscheidung zu überlassen, die Erwachsene nicht selbst treffen können. Es geht vielmehr um eine Mutter, die festgestellt hat, dass die Umstände nicht optimal sind, und davon ausgeht, dass es in ihrer Verantwortung und Führung liegt.

Meiner Ansicht nach sollten Kinder in Situationen wie diesen – egal wie alt sie sind – einbezogen werden. Es ist jedoch etwas völlig anderes, Kinder entscheiden zu lassen. In diesem Fall sprechen wir über Inklusion, und diese ist viel besser als Erziehung und zudem noch viel lehrreicher. (Jesper Juul, derStandard.at, 2.11.2014)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 16. November.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.

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