Eine Bildungsreise für den idealen Film

31. Oktober 2014, 16:10
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Kauzige Komik und luzide Reflexionen: Eugène Greens "La Sapienza"

Warum ist die französische Sprache so kompliziert? Damit die Académie française auch etwas zu tun hat! Mit diesem Witz, der in Eugène Greens La Sapienza einmal gemacht wird (ohne wirklich als Witz gemeint zu sein), könnte der französische Filmemacher gut und gern auch auf sein eigenes Werk anspielen. Es wirkt häufig, als wäre es nicht für ein normales Publikum gemacht, sondern als Vorlage für eine Akademie gedacht. Nicht zufällig sind es auch zu Beginn von La Sapienza Situationen, in denen ein Architekt und eine Psychologin sich vor einer Expertenrunde ausweisen müssen, von denen eine Geschichte ihren Ausgang nimmt, die zumindest ein bisschen ins Freie führt.

Der Architekt Alexandre bekommt anfangs auch noch einen Preis, aber die Verleihung zeigt Green nicht direkt, stattdessen sucht er mit der Kamera die Fassaden einer modernen Stadtlandschaft ab und entdeckt auf einem Hochhaus einen Leitsatz: "Life is Good". Das klingt nach einer guten Philosophie, ist aber Werbung für einen asiatischen Konzern. Alexandres Frau Aliénor (ein schöner, sprechender Name) interessiert sich für die Psychologie verunsicherter Jugend.

Beide bekommen von den Gremien, von denen ihre nächsten Projekte abhängen, eine Denkpause verordnet, die sie für eine Fahrt nach Italien nützen: auf den Spuren von Borromini, dem Architekten der römischen Kirche Sant'Ivo della Sapienza. Alexandre verehrt Borromini, aber er fühlt sich ihm nicht nahe. "Bernini, sono io", sagt er beinahe resignierend zu seinem jungen Begleiter Goffredo, mit dem zusammen er unterwegs ist.

Symmetrie und Harmonie

Denn schon früh findet in La Sapienza ein Partnertausch statt. Aliénor bleibt mit Goffredos Schwester Lavinia in einer Kleinstadt zurück. Lavinia ist (zumindest im übertragenen Sinn) eine "Schwindsüchtige", auch wenn es diese Krankheit seit 1914 nicht mehr gibt ("Meiner Schwester hat man davon nichts gesagt", wendet Goffredo ein, ein weiteres Beispiel für die kauzige Komik von Greens Film). Passenderweise kommt auch eine Theatergruppe an, die den Eingebildeten Kranken spielt. Die Truppe heißt La Sapience.

Was es mit der Weisheit auf sich hat, das ist hier ein gar nicht so schwer zu enträtselndes Geheimnis: Weisheit ist es, dem Leben eine anspruchsvolle Form zu geben, ohne den Kreis zu eng zu ziehen. Ellipsen sind besser. Auf dem Weg in eine "ideale Stadt", wie Goffredo sie bauen will, ist eine italienische Reise unabdingbar, auf dem Weg zu einem idealen Film ist das genauso.

Eugène Green kann allerdings nicht anders, als in die Formenlehre ständig Irritationen einzubauen. Sie sind reflexiver Natur, wie er schließlich deutlich macht, als er selbst seinen Film betritt - als Vertreter einer Sprache, die von keiner Akademie behütet wird. Außer von der idealen "Sapienza", die in Eugène Green ein exklusives Mitglied hat. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 31.10.2014)

31. 10., Stadtkino, 21.00; 1. 11., Metro, Pleskow-Saal, 12.00

  • Denkpause in Italien: Die Geschwister Goffredo (Ludovico Succio) und Lavinia (Arianna Nastro) in "La Sapienza".
    foto: viennale

    Denkpause in Italien: Die Geschwister Goffredo (Ludovico Succio) und Lavinia (Arianna Nastro) in "La Sapienza".


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