"Das Hockey von damals war eine kreative Revolution"

Interview31. Oktober 2014, 16:12
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Gabe Polsky, Filmemacher und selbst Eishockeyspieler, erinnert in "Red Army" an die legendäre Sowjetmannschaft um Kapitän Slawa Fetissow.

Gabe Polskys Dokumentarfilm Red Army erzählt die Geschichte der sowjetischen Eishockey-Nationalmannschaft, die in den 80er-Jahren fast unbezwingbar war. Doch die Spieler, die auf dem Eis eine so großartige Figur machen, müssen sich einem autoritären Trainingsregime fügen. Slawa Fetissow, Verteidiger, Kapitän und zentrale Figur in Red Army, rekapituliert, wie er dagegen aufzubegehren versuchte und wie er schließlich 1989 in die USA ging, wo er ebenfalls vielen Widerständen trotzen musste. Weitere Interviewpartner sind Sportjournalisten, Spieler, Fetissows Ehefrau und ein Ex-KGB-Agent, der offenherzig davon spricht, wie er die Sportler bei Auslandsreisen überwachte. Polsky hat zudem einen wahren Schatz an Archivbildern geborgen, die er zu einem raschen, unterhaltsamen und pointierten Bilderfluss montieren lässt.

STANDARD: Sie wuchsen in den 80er-Jahren in Chicago auf. Wussten Sie damals etwas über sowjetisches Eishockey? Sie wollten ja selbst Eishockeyspieler werden.

Gabe Polsky: Meine Eltern waren sowjetische Einwanderer aus der Ukraine. Sie kamen 1976 an. Als Kind wollte ich mich an die amerikanische Kultur anpassen und mit der russischen Sprache nichts zu tun haben. Mir war das peinlich, es war einfach nicht cool, das merkte ich, auch wenn ich nicht viel davon verstand. Ich weiß nicht - soll ich Ihnen die lange Version der Geschichte erzählen?

STANDARD: Bitte. Legen Sie los.

Polsky: Mit 13 hatte ich einen Trainer aus der ehemaligen UdSSR. Er öffnete mit die Augen für Sport und Hockey, ermunterte mich, kreativ zu sein. Seine Art zu spielen war das Gegenteil dessen, was ich vorher kennengelernt hatte. Wir improvisierten, liefen auf den Händen oder trugen die Mitspieler auf dem Rücken. Er wurde in der Hockey-Gemeinde von Chicago ein bisschen verspottet, aber mir half er, mich als Spieler und als Mensch zu entwickeln. Und dann fiel mir ein Video in die Hände, in dem es um sowjetisches Hockey ging. Das war 1987, der Canada Cup. Das Hockey, das damals gespielt wurde, ist besser als alles, was danach kam. Ich war gebannt von dem, was ich auf dem Eis sah.

STANDARD: Weshalb?

Polsky: Weil es eine kreative Revolution war. Was sie machten, war unglaublich, sie spielten auf eine so tiefgehende Art und Weise. Ich fing an, mehr darüber zu lesen, und dabei merkte ich, dass es nicht nur um Hockey ging, sondern vor allem um Russland, die Russen und die russische Seele. Darüber, wie man in der Sowjetunion lebte. Für das Individuum gab es kaum Respekt, man konnte die Autorität nicht herausfordern, man musste seinem Land dienen.

STANDARD: Im Zentrum von "Red Army" steht der Spieler Slawa Fetissow. Wie sind Sie auf ihn zugegangen? Am Anfang wirkt er so, als lasse er sich nur widerwillig darauf ein, mit Ihnen zu sprechen.

Polsky: Ja. Ich habe ihn sechs-, siebenmal angerufen, er hat jedes Mal abgelehnt. Bis heute weiß ich nicht, warum er mich dann doch zurückrief und sagte: "Okay, ich treffe Sie für 15 Minuten." Daraus wurden fünf Stunden. Er öffnete sich wohl, weil er merkte, dass ich mit Leidenschaft dabei war und etwas von Hockey verstand.

STANDARD: "Red Army" erzählt viel über Fetissows Leben und über die Zwänge, denen er zu Sowjetzeiten ausgesetzt war. Worüber wir wenig erfahren, ist seine Karriere als Politiker in den letzten zehn, zwölf Jahren. Warum? Wollte er darüber nicht reden? Oder dachten Sie, das sei ein ganzes neues Kapitel, das Sie lieber nicht öffnen wollten?

Polsky: Beides. Ich möchte Filme drehen, die einnehmend sind. Mich mit politischen Details zu beschäftigen, fand ich nicht so interessant. Ich wollte gerade so viel davon zeigen, dass es die Geschichte unterstützt. Dass er nach Russland zurückkehrt, für Putin arbeitet und ein gewisses Maß an Macht erlangt, erscheint mir interessant und zugleich auch mysteriös, es ist ein Paradox.

STANDARD: Sie verwenden viel Archivmaterial - zum Teil wirklich sehr überraschendes, etwa die Bilder von Schlittschuh laufenden Bären. Wie sind Sie daran gekommen?

Polsky: Ein russischer Mitarbeiter hat danach gesucht, nachdem ich ihm eine Liste gegeben hatte. Es gibt zwei Filmarchive. Man muss wissen, welches Material man bestellt, es ist nämlich sehr teuer. Also ging ich in die Archive, alte, verfallende Gebäude, die Filmdosen stapeln sich in den Regalen. Sie sagten mir: "Hier haben wir, wonach Sie suchen." Und sie gaben mir fünf Filmdosen. Dann setzte ich mich und begann auszuwählen. Aber das war eine ineffiziente Methode. Ich hätte mir wochenlang Footage anschauen können.

STANDARD: Sie sagten eben, dass der schwierige Aspekt des Filmemachens die Entscheidung ist, was in den Film kommt und was draußen bleibt. Wie sind Sie denn bei der Auswahl des Archivmaterials vorgegangen?

Polsky: Die Schnittmeister haben daran entscheidenden Anteil, und es ist vor allem Intuition, ein Gefühl für Rhythmus, für das, was einen bewegt. (Cristina Nord, DER STANDARD, 31.10.2014)

3. 11., Metro, 21.00; 5. 11., Gartenbau, 15.30

Gabe Polsky studierte Politikwissenschaft und Geschichte in Yale. Produzent von Werner Herzogs "Bad Lieutenant".

  • Gefeierte Athleten aus der Zeit des Kalten Krieges: Eishockeyspieler der UdSSR-Nationalmannschaft in "Red Army".
    foto: viennale

    Gefeierte Athleten aus der Zeit des Kalten Krieges: Eishockeyspieler der UdSSR-Nationalmannschaft in "Red Army".


  • Filmemacher und selbst Eishockeyspieler: Gabe Polsky.
    foto: epa/julien warnand

    Filmemacher und selbst Eishockeyspieler: Gabe Polsky.

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