Gesichter, Körper aus Dunkelheit herausmodelliert

31. Oktober 2014, 16:02
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Schlicht "Pasolini" hat der New Yorker Regisseur Abel Ferrara seine jüngste Kinoarbeit betitelt: Eine Skizze letzter Vorhaben des 1975 ermordeten italienischen Autors, Filmemachers und Intellektuellen

Vor seinem Tod am 2. November 1975 arbeitete Pier Paolo Pasolini an einem Drehbuch zu einem Film namens Porno-Teo-Kolossal. Das Treatment bestand aus einem Brief an den Schauspieler Eduardo De Filippo, der in dem Film mitspielen sollte und eine Berühmtheit im italienischen Theater war. Veröffentlicht wurde der Text 2012. Die Geschichte begleitet die beiden Figuren Epifanio und Nunzio, die wiederum dem Stern folgen, der ihnen die Geburt des Messias anzeigt. Sie reisen von Neapel nach Mailand, von dort weiter nach Rom und Paris, doch diese Stationen sind weniger tatsächliche Städte als Orte der Dekadenz und des Chaos.

Was Pasolini vorschwebte, war offenbar eine Mischung aus Salò oder Die 120 Tage von Sodom, Decamerone und Erotische Geschichten aus 1001 Nacht. Der Verwirklichung des Projekts kam der bis heute nicht vollständig aufgeklärte Ermordung des Filmemachers am Strand von Ostia in die Quere.

Der New Yorker Regisseur Abel Ferrara hat sich nun in seinem jüngsten Film Pasolini, in dem er sich mit den letzten Tagen im Leben des italienischen Schriftstellers, Filmemachers und Intellektuellen beschäftigt, auch dieses Treatments angenommen. Was Pasolini selbst nicht mehr in Bilder verwandeln konnte, Ferrara setzt es in Szene.

Dabei hat er mit Giovanni "Ninetto" Davoli einen Darsteller gewonnen, der Pasolini als Geliebter, Schauspieler und Assistent einst nahestand. Das ändert nichts daran, dass Ferraras Fantasie von Porno-Teo-Kolossal - etwa eine Orgie, die von einem Feuerwerk interpunktiert wird - vor allem schrill, laut und dadurch ein bisschen harmlos ausfällt.

Es ist zwar ein mutiger Schachzug, Ideen und Entwürfe Pasolinis zu verwirklichen, es ist aber auch ein wenig anmaßend, weil sich Ferrara damit, wenn nicht zu Pasolinis Stellvertreter auf Erden, so doch zu dessen rechtmäßigem Erben macht, zu demjenigen, der die Bereitschaft zur Provokation und zum Skandal durch die Jahrzehnte getragen hat.

Und diesem hohen Anspruch hält Pasolini nicht stand, auch wenn der Film alles andere als ein klassisches Biopic geworden ist und der Kameramann Stefano Falivene immer wieder wunderbare Bilder schafft, indem er Flächen, Gesichter und Körper aus der Dunkelheit herausmodelliert.

Zum Beispiel eröffnet Pasolini in einem Sichtungsraum mit einer raffinierten Film-im-Film-Situation, Szenen aus Salò oder Die 120 Tage von Sodom sind auf einer Leinwand zu sehen, zugleich spiegeln sie sich auf einer glatten Oberfläche und, als Lichtreflex, in den Gesichtern der Zuschauer. Wörter und Satzfragmente huschen durch den Raum, ohne dass die Stimmen klar zuzuordnen wären. Probleme mit der Zensur scheinen darin auf, auch die Frage, in welcher Stadt die Premiere von Salò stattfinden könnte.

Verdrehte Sprachsituation

Der US-Charakterdarsteller Willem Dafoe spielt die Hauptfigur, was eine verdrehte Sprachsituation mit sich bringt. Während der Protagonist akzentfreies Englisch spricht, reden alle anderen Figuren so, dass die italienische Muttersprache in ihren englischen Sätzen nachhallt. Das allein ließe sich als Absage an plumpen Naturalismus wertschätzen, wäre es nicht zugleich Ausdruck eines Verkennens.

Als Abel Ferrara Pasolini im vergangenen September bei der Mostra d'Arte Cinematografico von Venedig vorstellte, erklärte er die Sprachsituation auf Nachfrage damit, dass er Pasolini immer als eine Art Nachbarn betrachtet habe; der italienische Regisseur hätte, so Ferrara, auch ein Cruiser in der Lower East Side von Manhattan sein können. Dass er gerade das nicht war, geht in der imaginierten Nähe unter. (Cristina Nord, DER STANDARD, 31.10.2014)

3. 11., Gartenbaukino, 20.30;

5. 11., 11.00

  • Willem Dafoe cruist als Pier Paolo Pasolini durchs nächtliche Rom: Abel Ferrara imaginiert in "Pasolini" die letzten Tage im Leben des von ihm verehrten italienischen Filmemachers.
    foto: viennale

    Willem Dafoe cruist als Pier Paolo Pasolini durchs nächtliche Rom: Abel Ferrara imaginiert in "Pasolini" die letzten Tage im Leben des von ihm verehrten italienischen Filmemachers.

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