Wie Apple die Medien kontrolliert

2. November 2014, 10:03
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Blogger Gutjahr berichtet von freiwilliger Selbstzensur und Apples strengem PR-Regime

Computerbild hat es sich mit Apple verscherzt. Ein Video, in dem gezeigt wurde, wie sich das iPhone 6 Plus verbiegen lässt, hat gereicht. Die deutsche Zeitschrift soll keine Testgeräte mehr bekommen und nicht mehr Produktvorstellungen geladen werden, wie Ende September berichtet wurde. Für den bekannten Journalisten und Blogger Richard Gutjahr sind derartige "Ausbrüche" von Apple ungewöhnlich und unnötig, denn die meisten Redaktionen würden sich ohnehin selbst zensieren.

Keiner spielt so subtil wie Apple

Auf Krautreporter.de berichtet er von Apples Praktiken bei Produktvorstellungen und Verkaufsstarts. Dafür habe er mit mehreren Journalisten in Deutschland gesprochen, die jedoch namentlich nicht genannt werden wollten, um nicht in Ungnade zu fallen. Den Versuch die Berichterstattung zugunsten des Unternehmens zu dirigieren, gibt es zwar bei allen großen Konzernen. "Doch kaum ein Unternehmen spielt das Spiel so subtil wie Apple. Und von keinem anderen Unternehmen würden wir Medienleute uns das in dieser Form bieten lassen", so Gutjahr.

"Wie ein Ritterschlag"

Das Apple-Spiel funktioniert nach strengen Regeln. Zu den Pressekonferenzen können sich Journalisten nicht anmelden, sie werden vom Unternehmen ausgewählt. Aus Cupertino gebe es laut dem Blogger zwar offiziell keine Vorgaben, man dürfe aber davon ausgehen, "dass bei dieser Selektion sehr genau darauf geachtet wird, dass der Betroffene gegenüber Apple grundsätzlich positiv eingestellt ist und den Wert einer solchen Einladung auch zu schätzen weiß." Eine Apple-Einladung sei für viele "wie ein Ritterschlag".

Rummelplatz-Stimmung

Die Pressekonferenzen, bei denen neue iPads und iPhones vorgestellt werden, sind entsprechend als Show inszeniert. Gutjahr spricht von einer "Rummelplatz-Stimmung wie in 'Pinocchio', kurz bevor sich alle in Esel verwandeln". Das ist allerdings nicht nur bei Apple so. Auch andere Hersteller wie Samsung, LG oder HTC halten mittlerweile richtiggehende Events rund um Produktvorstellungen ab. Journalisten werden zum Publikum, Auftritte von Unternehmens-Chefs und Produktenthüllungen beklatscht.

Strenge Apple-Wächter

Apple geht aber noch einen Schritt weiter: so würden vor der Show Journalisten von anderen Gästen getrennt. Und beim Hands-On sei es nicht gestattet ein anderes Gerät zum Vergleich neben das neue iPhone zu legen. Nicht anders sehe es bei Verkaufsstarts aus. Beim Start des ersten iPads in New York etwa durften laut Gutjahr Fotografen die Wartenden nur aus der Ferne ablichten. Er berichtet auch von PR-Mitarbeitern, "die streng darüber wachen, dass Reporter keine Dinge zu hören bekommen, die nicht in die Inszenierung passen." Beispielsweise, dass nicht alle in der Warteschlange auf das ersehnte iPad warten, sondern sich nur anstellen, um den Platz dann verkaufen zu können.

"Dauerleihgeräte"

Nach der offiziellen Enthüllung folgen kurz vor den Verkaufsstarts Pressebriefings in den jeweiligen Ländern. Fragen zum Konzern seien hier nicht erwünscht. Und jeder Journalist bekomme "eine weiße Tüte überreicht". Darin: neben iTunes-Guthaben und einer iPhone-Schutzhülle auch das jeweils neue Gerät in der "Wunschfarbe" des Redakteurs. Als sogenannte "Dauerleihgabe". In diesem Jahr seien es das iPhone 6 und das iPhone 6 Plus gewesen, allerdings mit der Bitte zumindest eines der Geräte zu retournieren.

Anders in Österreich

In Österreich und wohl auch anderen Ländern, in denen Apple nicht mit eigener Niederlassung vertreten sind, sieht das Ganze etwas anders aus. Hierzulande bekommen Journalisten seit einigen Jahren gar keine Testgeräte mehr von Apple selbst. Die getesteten iPhones und iPads stammen meist von Mobilfunkern oder Händlern und werden beim WebStandard wieder zurückgegeben. Heimische Redaktionen fliegen unter dem Radar von Cupertino - ein Anruf aufgrund eines kritischen Berichts ist ebenso unwahrscheinlich wie eine Einladung zu einem Apple-Event. (br, derStandard.at, 02.11.2014)

  • Perfekte Inszenierung: Mitarbeiter eines Apple Stores stehen beim Verkaufsstart neuer Produkte Spalier, um die ersten Kunden zu begrüßen.
    foto: ap photo/damian dovarganes

    Perfekte Inszenierung: Mitarbeiter eines Apple Stores stehen beim Verkaufsstart neuer Produkte Spalier, um die ersten Kunden zu begrüßen.

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