EU-Behördenchef: "Nutzer müssen bei Datenschutz Druck aufbauen"

30. Oktober 2014, 08:12
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Helmbrecht: "Im Notfall Dienste nicht nutzen" - Daten sind "ein Zahlungsmittel geworden"

Nach Ansicht der zuständigen EU-Behörde müssen sich die Nutzer von sozialen Netzwerken selbst für mehr Datenschutz einsetzen. "Wir als Nutzer müssen auch Druck aufbauen, dass wir das wollen", sagte der Leiter der Informationssicherheits-Agentur ENISA, Udo Helmbrecht im Gespräch.

Datenschutz

Derzeit arbeitet die EU an einer neuen Datenschutz-Richtlinie. Diese vereinheitliche das Recht in allen Ländern und solle sicherstellen, dass "wir als Personen das Recht an unseren Daten haben", erklärte Helmbrecht. Es liege aber letztlich an den Menschen selbst, ihre Privatsphäre zu schützen und "im Notfall die Dienste nicht zu nutzen".

Derzeit fehle es vielen Nutzern an Bewusstsein über die Interessen der Konzerne, glaubt der Experte. "Wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen, dass wir in einer Gesellschaftsordnung weltweit leben, wo Daten ein Zahlungsmittel geworden sind, und wo mir bewusst sein muss, dass ich Services nutze und meine Daten dafür als Währung gebe. Das verstehen die wenigsten. Wenn ich in diesem globalen Wirtschaftssystem wirklich alle Services nutzen will, dann kann ich meine Daten heute nicht kontrollieren."

Initiative

Der EU-Experte begrüßte im Interview die Initiative des Wiener Juristen Max Schrems, der den Internet-Konzern Facebook mit einer Sammelklage zu einem transparenteren Umgang mit Nutzern zwingen will. "Ich finde was er macht sehr gut, und das ist auch der richtige Weg", sagte Helmbrecht.

Schutz

Zudem zeigt sich der Behördenchef davon überzeugt, dass Europa seine IT-Industrie besser gegen die Konkurrenz aus China und den USA schützen müsse. "Wir sollten nicht alles immer nur dem freien Wettbewerb überlassen."

In den vergangenen Jahren verloren Firmen aus Europa in vielen Bereichen den Anschluss, etwa bei der Entwicklung von Mobiltelefonen oder Internet-Diensten. "Im Moment haben wir das einfach als Geschäftsmodell verloren. Sie können nicht einfach hier in Europa ein Facebook aufbauen oder ein Google aufbauen, weil sie nicht die kritische Masse bekommen", sagte Helmbrecht.

Innovation

Grund dafür sieht der Behördenchef im fehlenden Handeln der europäischen Politik. "Manche fragen, warum gibt's keine Siemens-Handy, warum gibt es die Handy-Sparte von Nokia nicht mehr? Früher wurde gesagt, Wettbewerb geht über alles. Heute haben wir die Technologie einfach nicht mehr", beklagte er. Dabei benötigten Schlüsselbranchen wie die Auto-Industrie neue Informationstechnologie für Innovationen.

Als Maßnahme spricht sich Helmbrecht für Förderung der IT-Branche durch den Staat aus. "Es wäre zwar Protektionismus, aber es wäre legitimierter Protektionismus, weil es die Arbeitsplätze in der Industrie erhalten würde", argumentiert er. Unterstützung könne es etwa in Form von Steueranreizen für die Betriebsansiedlung geben. Auch Banken könnten mehr für die Finanzierung von Start-Ups tun, sagte Helmbrecht.

Eigenentwicklungen durch den Staat sieht der Experte skeptisch. "Sie können noch so oft europäische Router oder europäische soziale Netzwerke fordern, am Ende muss es auch von Europäern genutzt werden und weltweit skalieren", sagt er. Die Treiber von Innovation seien letztlich die Unternehmen - und für die sei die Wirtschaftlichkeit entscheidend. (APA, 30.10.2014)

  • Udo Helmbrecht wünscht sich mehr Druck durch die Nutzer in Sachen Datenschutz.
    foto: apa/epa/herbert neubauer

    Udo Helmbrecht wünscht sich mehr Druck durch die Nutzer in Sachen Datenschutz.

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