Streit um die kämpferischen Yanomami

31. Oktober 2014, 17:55
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Der US-Anthropologe Napoleon Chagnon gehört zu den kontroversiellsten Vertretern seines Fachs: Seine von der Soziobiologie inspirierten Arbeiten haben heftige Kritik ausgelöst

Erst im Vorjahr bezeichnete ihn die New York Times als "unseren umstrittensten Anthropologen", um in einem langen Text zu erklären, wie Napoleon Chagnon zu einem so sehr angefeindeten Forscher seines Fachs wurde. Anlass war die Autobiografie Chagnons, die Anfang 2013 unter einem bezeichnenden Titel erschien - in deutscher Übersetzung: "Edle Wilde: Mein Leben bei zwei gefährlichen Stämmen - den Yanomami und den Anthropologen".

Was es mit diesem eigenwilligen Titel auf sich hat, ist eine komplizierte Geschichte. Ihre Kurzfassung geht in etwa so: Der junge Anthropologe Chagnon besucht die in Venezuela und Brasilien lebenden Yanomami erstmals 1964 – zu einer Zeit, als sein Fach besonders hoch im Kurs steht und ein eher positives Bild jener Kulturen zeichnet, die von der Zivilisation nicht "verdorben" wurden.

Chagnons Bericht "Yanomamö: The Fierce People" (Yanomamö ist Chagnons bevorzugte Schreibweise) aus dem Jahr 1968 stellt diese Vorstellungen auf den Kopf: Sein Bild der Yanomami ist nicht "das von edlen Wilden", sondern eines Volkes, das im Zustand ständiger Kriegsführung lebt: Physische Gewalt und Gewaltandrohungen gehören laut Chagnon zum Alltag der von ihm als blutrünstig beschriebenen Yanomami-Stämme.

Der streitlustige Forscher handelte sich nicht nur mit diesem Buch, das sich fast eine Million Mal verkaufte, und seinen "kriegerischen" Thesen heftige Kritik ein. Womöglich noch umstrittener ist seine soziobiologische Ausrichtung: Chagnon nahm das Volk der Yanomami nicht nur rein strukturalistisch, sondern auch (evolutions)biologisch in den Blick.

Im Jahr 2000 wurde Chagnon dann im Buch "Darkness in El Dorado" von Patrick Tierney gar beschuldigt, eine Masern-Epidemie bei den Yanomami ausgelöst und etliche andere Fehltritte begangen zu haben. Diese Vorwürfe wurden von einer Kommission geprüft und letztlich verworfen. An Chagnons Außenseiterrolle änderte das ebenso wenig, wie die Tatsache, dass ihn Forscher wie Stephen Pinker oder Jared Diamond gerade wegen seiner Nähe zur Biologie gerne zitierten.

In einer ganz neuen Studie indes, die auf seinem umfangreichen Datenmaterial der 1980er-Jahre basiert, scheint der mittlerweile 76-jährige Anthropologe mit seinem Kollegen Shane Macfarlan zumindest eine biologi(sti)sche Grundannahme etwas zu relativieren. Die beiden fragten sich in ihrer im Fachblatt "PNAS" erschienenen Studie, nach welchen Gesichtspunkten sich die Yanomami mit anderen verbünden, mit denen sie in den Kampf ziehen: nach Verwandtschaftsverhältnissen (wie Schimpansen) oder doch nach "kulturellen" Kriterien.

Nach Auswertung der Verbündeten von 118 Männern, die in unterschiedlichen Gruppenverbänden in den Kampf gezogen sind, zeigte sich, dass lediglich in 22 Prozent der Fälle zwei Yanomami-Krieger aus demselben Stamm kamen. Sehr viel öfter bilden die Kämpfer Allianzen mit nicht verwandten Männern aus anderen Dörfern. Zu Verschwägerungen kommt es erst danach, wenn die Kämpfer die Schwestern der Verbündeten heiraten - quasi als friedlicher Teil der Kriegsbeute. (Klaus Taschwer, derStandard.at, 31. 10. 2014)

  • Schaukämpfe bei den Yanomami Ende der 1960er-Jahre: Männer eines Stammes zeigen vor den Angehörigen eines anderen, wie stark sie sind. Kurz zuvor haben sich die beiden Gruppen auf Zusammenarbeit geeinigt, was wiederum Verschwägerungen zur Folge haben wird.
    foto: napoleon chagnon

    Schaukämpfe bei den Yanomami Ende der 1960er-Jahre: Männer eines Stammes zeigen vor den Angehörigen eines anderen, wie stark sie sind. Kurz zuvor haben sich die beiden Gruppen auf Zusammenarbeit geeinigt, was wiederum Verschwägerungen zur Folge haben wird.

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