Steiermark: Umstrittenes Ehrenzeichen für einen Nazi

29. Oktober 2014, 17:48
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Opferverbände fordern von Landeshauptmann Voves die posthume Aberkennung der Landesehrung für Wilhelm Höttl

Graz - Bald 20 Jahre ist es her, dass 1995 in einem denkwürdigen Feierakt dem ehemaligen SS-Obersturmbannführer Wilhelm Höttl im weißen Prunksaal der Grazer Burg das Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark verliehen wurde. Landeshauptmann war damals Josef Krainer (ÖVP), sein SPÖ-Stellvertreter Peter Schachner-Blazizek. Höttl wurde als Historiker und Gründer des Ausseer Gymnasiums mit der höchsten Auszeichnung gewürdigt.

Der Pädagoge Albert Kaufmann, der für seine pädagogischen "Arbeiten gegen rechts" - er hatte unter anderem Nazi-Computerspiele aufgedeckt - ebenfalls geehrt wurde, steckte daraufhin seine Auszeichnung in ein Paket und retournierte sie an Krainer und Schachner-Blazizek. "Wenn ein SS-Obersturmbannführer, ein Kriegsverbrecher, dieselbe Auszeichnung bekommt, noch dazu für pädagogische Leistungen, ist dieses Ehrenzeichen für mich entwertet und beschmutzt", erinnert sich Kaufmann, heute Bildungschef der AK Steiermark, im Gespräch mit dem Standard. Krainer habe ihm damals versichert, dass nicht er Höttl vorgeschlagen habe, sondern ein "hochrangiger steirischer Landespolitiker".

Neues belastendes Material aufgetaucht

Gemeinsam mit dem "Bund Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer - Opfer des Faschismus und Antifaschisten", der "ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten" und dem "KZ-Verband" fordert Kaufmann jetzt - nachdem neues belastendes Material gegen Höttl aufgetaucht ist und dessen Verstrickung in den Holocaust bekräftigt - Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ) auf, dieser solle Höttl - posthum - das höchste Ehrenzeichen des Landes endlich aberkennen. "Das wäre ein wichtiger Akt der politischen Hygiene" , sagt Kaufmann.

Höttl stand ganz oben in der NS-Hierarchie. Als Leiter des Nachrichtendienstes der SS in Wien trat er 1942 der Waffen-SS bei, wurde bald engster Mitarbeiter Ernst Kaltenbrunners, des Chefs des allmächtigen Reichssicherheitshauptamtes (RSHA). Er machte Höttl zum Spionagechef für den Südosten. Kurz vor Kriegsende kooperierte Höttl mit dem US-Geheimdienst.

Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess trat er als Kronzeuge der Anklage auf und kam dadurch glimpflich davon. 1952 verhalf ihm die steirische Landesregierung zu einem Privatgymnasium in Bad Aussee. Zahlreiche Promis, darunter spätere hohe steirische SP-Politiker, holten sich dort ihre "billige" Matura ab. Für André Heller, ebenfalls kurzzeitig Schüler, war das Gymnasium in Bad Aussee ein "Nazireservat". (Walter Müller, DER STANDARD, 30.10.2014)

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