Türkische Kurden bejubeln Peschmerga

29. Oktober 2014, 17:22
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Historische Fahrt am Tag der Republik in der Türkei - Erdogan in Bedrängnis

Als der Konvoi am frühen Nachmittag durch die Provinz Mardin rollt, steigt ein türkischer Kurdenpolitiker auf einen der Militärlastwagen und macht das ganze Kalkül von Tayyip Erdogan zunichte - den Plan des türkischen Präsidenten, die Kurden gegeneinander auszuspielen, wenn der Regierung angesichts des Kriegs im Nachbarland sonst schon alles aus den Händen gleitet: die Kurden aus dem Nordirak gegen jene in Syrien, die kurdische Minderheit im eigenen Land gegen PKK, PUK, PYD, YPG. Doch den Kurden auf der Straße sind die Parteienkürzel einerlei, so zeigt sich nun.

Sahabettin Güler, Chef der Kurdenpartei in der Provinz Mardin, schaut aus einer Luke aus dem Dach der Fahrerkabine und fährt ein Stück mit den Peschmerga mit, die umjubelt von einigen Tausend am Straßenrand nach Kobane unterwegs sind, in die belagerte Stadt an der türkischen Grenze, um gemeinsam mit den syrischen Kurden gegen die Islamisten zu kämpfen. Erdogan hat die Fahrt der Peschmerga über türkisches Gebiet erlaubt, unter Druck gesetzt von den USA, die von der Türkei endlich etwas Unterstützung im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) sehen wollen. Die Kurden der PYD in Kobane hätten lieber die PKK und ihre eigenen Milizen aus Kamishli gehabt; doch Ankara lässt die Peschmerga durchreisen, die Soldaten der Kurdischen Regionalregierung im Nordirak, zu der die Türkei gute Beziehungen hat.

2000 Kämpfer waren angekündigt, 150 sind es am Ende geworden; die PYD wollte nicht mehr Peschmerga-Soldaten, versichert die türkische Regierung. Doch jetzt wird Geschichte geschrieben, und dass dieser Tag, an dem die Kurden einander helfen, ausgerechnet auf einen Feiertag fällt, den 91. Jahrestag der Türkischen Republik, macht ihn noch wichtiger für die kurdische Minderheit im Land.

Neuerliches Grubenunglück

Die türkische Öffentlichkeit bekommt dabei wenig von der historischen Fahrt der Peschmerga mit. Feiertagsparaden und das neuerliche Grubenunglück beherrschen die Nachrichten in der Türkei. Erdogan hat wegen des Unglücks den traditionellen Abendempfang des Präsidenten abgesagt. Es wäre sein erster gewesen nach der Wahl zum Staatschef im Sommer, und dazu noch der erste im neuen riesigen Präsidentenpalast in Ankara, der zum Tag der Republik eröffnet wurde.

Erdogan flog am Mittwoch mit dem Hubschrauber zur Grubenstadt Ermenek, wo 18 Arbeiter unrettbar verloren scheinen. Stunden vorher schon errichtet die Polizei Barrikaden in der Stadt. Kompromittierende Szenen wie im Mai in der Minenstadt Soma sollen vermieden werden: Erdogan wurde dort nach einer unsensiblen Rede ausgebuht, einer seiner Mitarbeiter trat einen am Boden liegenden Arbeiter. 301 Kumpel starben bei dem Unglück in Soma.

Währenddessen rollt der Konvoi der Peschmerga mit seinen Artilleriegeschützen weiter. Noch bevor die Kurden eintreffen, hat die türkische Regierung Kämpfer der Freien Syrischen Armee über die Grenze nach Kobane gelassen. 50 oder 200 sollen es sein. Die arabischen Freischärler sind ihr noch lieber als die Kurden aus dem Nordirak. (Markus Bernath, DER STANDARD, 30.10.2014)

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