West Virginia: Abkehr von Kohle wird Demokraten zum Verhängnis

Reportage30. Oktober 2014, 07:00
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Die Wähler des US-Bundesstaats wollen sich mit dem Niedergang der Industrie nicht abfinden

Die Hände sind schwielig, die Sätze kurz, kein Wort zu viel. Soll er in die Kamera schauen, wirkt Phil Naegele ein bisschen verlegen. Er packt lieber zu. Aber dort steht er nun, steif und ungelenk neben einer Politikerin, die kreuz und quer durch West Virginia fährt und verkündet, dass West Virginia für sie stets an erster Stelle rangiert. Naegele ist der Typ Wähler, den Shelley Capito für ihre Werbetour braucht. Der Malocher und die Republikanerin - das Motiv ist Gold wert für ihre Kampagne.

Eigentlich sind Männer wie der Schweißer treue Demokraten in West Virginia, das zur festen Stütze der Partei wurde, als Franklin D. Roosevelt dem Staat mit seinem New Deal wieder auf die Beine half. Nun aber ist Naegele umgeben von Republikanern. Es liegt an Barack Obama, an der Umwelt- und Energiepolitik, die er in drei Worten zusammenfasst: "War on Coal" (Krieg gegen Kohle). Obama, schimpft Naegele, tue nichts für einen, der seinen Lebensunterhalt mit Schweißarbeiten in Kohlekraftwerken bestreite.

"Almost heaven, West Virginia..."

West Virginia erlebt am 4. November wohl eine Zeitenwende. Laut Umfragen wird Capito in den Senat gewählt. Sie wäre seit 55 Jahren die erste Republikanerin, die der "Mountain State" in die Parlamentskammer delegiert. Der ausscheidende Veteran, den sie beerben dürfte, trägt einen klangvollen Namen: Jay Rockefeller ist ein Urenkel des berühmten Ölmagnaten.

Dass der lokale Zeitgeist aus der konservativen Richtung weht, lässt sich in Pineville studieren, einer Kleinstadt, die so postkartenschön zwischen bewaldeten Kuppen liegt, dass man automatisch an das Lied-Klischee denkt: "Almost heaven, West Virginia …". Wie eine Burg thront das Kreisgericht über Ziegelfassaden. 1960 hielt hier John F. Kennedy eine flammende Rede gegen die Armut - für Kennedy eine politische Sternstunde, für Pineville ein Siegel auf den Pakt mit den Demokraten.

"Stimmung im Keller"

Hinter einer Kurve tauchen dann die verrosteten Förderbänder eines Kohlebergwerks auf. Ein paar Meilen weiter quetschen sich Orte mit zwei Dutzend Häusern und spitztürmigen Kirchen ans Flussufer. Sie tragen Namen wie Justice, Gilbert und Simon.

Die Stimmung ist im Keller, "bald geht es hier zu wie im Altersheim", orakelt Fred Hauchins, 62, schlohweißes Haar, ein pensionierter Kohlekumpel. Allein im September hat der Bergbaukonzern Alpha Natural Resources rund 300 Leute entlassen. Im gesamten Staat sind es noch 32.000 Arbeiter, die in Gruben einfahren - halb so viele wie Mitte der 1970er-Jahre. Keiner weiß, welche Zeche als nächste dran kommt.

Hauchins hat gut verdient im Schacht, zuletzt rund 70.000 Dollar (55.000 Euro) pro Jahr. Wer bei Wal-Mart jobbt, bekommt ein Drittel. "Andere Jobs kriegst du nicht mehr", skizziert Hauchins die Lage, weshalb die Jungen das Weite suchen. Dann lässt er seinem Frust freien Lauf. "Es ist, als habe Washington beschlossen, bei uns die Lichter ausgehen zu lassen."

Abwärtsstrudel durch Fracking-Boom

Auf einem Energiekongress in einem Landhotel spricht Bill Raney, Chef der West Virginia Coal Association. Obama erweise den Bergleuten keinen Respekt, indem er unrealistische Umweltziele verkünde. Die Wahrheit ist komplizierter: Erstens ließ der Fracking-Boom die Erdgaspreise purzeln, sodass Kohle als Energiequelle ins Hintertreffen gerät. Zweitens ist die Förderung in den Appalachen teurer als in Montana oder Wyoming. Obamas Öko-Agenda ist erst der dritte Faktor: Fossil befeuerte Kraftwerke sollen den Ausstoß an Kohlendioxid bis 2030 gegenüber 2005 um 30 Prozent reduzieren.

In den Tälern der Perspektivlosigkeit reduzieren es die Republikaner auf eine simple Formel: War on Coal. "Die Regierung maßt sich an zu entscheiden, wer gewinnt", wettert Shelley Capito. "Uns hier hat sie zu Verlierern erklärt." (Frank Herrmann aus Pineville, DER STANDARD, 30.10.2014)

  • Nur noch 32.000 Bergleute sind in den Kohleminen West Virginias tätig. Die Blütezeit der Kohleindustrie ist längst vorüber - doch Barack Obamas Demokraten bekommen erst jetzt die Rechnung präsentiert.
    foto: reuters / robert galbraith

    Nur noch 32.000 Bergleute sind in den Kohleminen West Virginias tätig. Die Blütezeit der Kohleindustrie ist längst vorüber - doch Barack Obamas Demokraten bekommen erst jetzt die Rechnung präsentiert.

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