Die Schwärze der Stimme

29. Oktober 2014, 17:35
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Musikverein: Simon Keenlyside mit "Winterreise"

Wien - Perfektion und Glätte gehen nicht nur im Liedgesang gerne Hand in Hand. Allzu oft verabschiedet sich dabei authentischer Ausdruck, wirkt es kunstvoll und manieriert. Bei Simon Keenlyside, der mit einem ausgesprochen prominenten "Begleiter", Emanuel Ax, und Franz Schuberts aufwühlendstem Liederzyklus, die Winterreise, derzeit durch die Kälte reist, ist das ganz anders. Sein Vortrag ist hinsichtlich Intonation, Textdeutlichkeit, Fehlerlosigkeit - kurz: jener Aspekte, die sich technisch beschreiben ließen - nahezu vollkommen.

Glatt ist er nie. Und so brach er in den saturierten Brahms-Saal des Musikvereins wie eine heißkalte Naturgewalt ein, als ruheloser Erzähler, der das geschilderte Drama selbst zu durchleben und mit fantastischer Suggestion in den Raum zu bringen schien. Zuweilen malte er das Geschehen mit eindringlichen Gesten, doch vor allem mit der Färbung seiner Stimme, die diesbezüglich offenbar keine Grenzen kennt.

Keenlyside ist imstande, die Tongebung innerhalb einer Phrase mehrfach radikal zu ändern, ein Wort oder gar eine Silbe ganz anders abzuschattieren - und gewinnt dadurch eine Expressivität, die ihn die Lieder der Winterreise unvergleichlich durchdringen lässt. Nüchterne Beschreibung, Sehnsucht, Hass, Verzweiflung, stilles Aufbegehren und wilde Resignation verschmolzen im Musikverein zu einem zerrissenen Psychogramm, bei dem es der Sänger nicht darauf anlegte, seinen kräftigen Bariton stets ausgeglichen klingen zu lassen - wozu er durchaus in der Lage wäre. Stattdessen rang er zuweilen der Schwärze seiner Stimme, aber auch ihren gläsernen Regionen grenzwertige Nuancen ab.

Zusammen mit Ax am Klavier hat Simon Keenlyside mit teils ungewohnten, aber schlüssigen Tempi eine profilierte Konzeption des Zyklus entwickelt. Obwohl der Pianist teilweise eigene Wege ging und mit dem Sänger nicht immer zu einem gemeinsamen Atem fand, zeigte er ebenfalls einen höchst eigenen Blick auf Schuberts Harmonik, auf die Gegenstimmen, die er immer wieder hervorhob. Auch das war beglückend. Standing Ovations. (Daniel Ender, DER STANDARD, 30.10.2014)

Weiterer Termin: 30. 10., 19.30, Mozarteum Salzburg, Großer Saal

  • Simon Keenlyside singt wie eine heißkalte Naturgewalt.
    foto: ap / lilli strauss

    Simon Keenlyside singt wie eine heißkalte Naturgewalt.

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