Riccardo Muti: Zwischen Bürokratie und Bahö

29. Oktober 2014, 17:29
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Der erste Gastspielabend des Chicago Symphony Orchestra mit Riccardo Muti war durchwachsen (Tschaikowsky, Strawinsky, Schumann). Zu Allerheiligen folgt an zwei Abenden Verdis "Messa da Requiem"

Wien - Seit mehr als vier Jahrzehnten ein regelmäßiger Gast am Dirigentenpult der Wiener Philharmoniker, besucht Riccardo Muti Wien auch immer gern mit den Orchestern, denen er vorsteht - wie etwa aktuell dem Chicago Symphony Orchestra. In dieser Saison hat die Gesellschaft der Musikfreunde ihrem Ehrenmitglied sogar einen eigenen kleinen Zyklus gebastelt, welcher zwei der vier Gastspielabende des Klangkörpers vom Michigansee beinhaltet sowie ein Konzert mit den Wiener Philharmonikern.

Der erste Konzertabend muss als durchwachsene Angelegenheit beschrieben werden. Handfest und gegenständlich, mit eckigem Wellengekräusel begann Tschaikowskys Der Sturm. Mit zunehmender Windstärke erhob sich fast übermächtig das seit Georg Solti vielgelobte Blech. Beim Liebesschmachten inmitten der Fantasie nach Shakespeare erlaubte sich der 73-jährige Orchesterleiter erstmals Flexibilität.

Strawinskys Feuervogel-Suite (Fassung 1919) funktionierte trotz Muti, nicht wegen ihm. Betulich, wie buchstabiert die Introduktion, allerdings flüsterleise. Zart der Rundtanz der Prinzessinnen, akkurat der Höllentanz des Königs Kaschtschei. Die Steigerung im Finale war keine, das muss man erst einmal hinkriegen. Der Dirigent Muti, das kann auch sein: eine oft etwas abwesend wirkende Mischung aus Statue und Sedativum, bürokratische Pedanterie.

Nach der Pause Schumanns "Rheinische". Stolz, Schub, Glut und Leben zu Beginn: endlich. Der zweite und der dritte Satz gelangen dem Italiener am besten; im Putzigen, Feinen fühlt er sich wohl. Muti als hingebungsvoller Maler von Miniaturen. Wundervoll ein kurzes, wie hingehauchtes aufsteigendes Motiv der Klarinette. Grosso modo spielte das Chicago Symphony Orchestra mit hoher Präzision, die fallweise auch zu einer maschinellen Musizierweise führte. Die Flexibilität, die Farbigkeit, das kammermusikalische Musizieren der europäischen Spitzenorchester erreichte der US-Klangkörper nicht ganz.

Nach durchschnittlichem Schlussbeifall dann doch eine Zugabe: "What do you think about Verdi?", fragte der ehemalige Langzeitchef der Scala das Publikum im Großen Musikvereinssaal - rein rhetorisch natürlich. Es folgt eine Nabucco-Ouvertüre nach allen Regeln der Kunst, mit Blasmusikkapellenschmiss, Grandezza und Amore. Ein unfassbarer, toller Bahö danach.

Mehr Verdi wird im Musikverein am Allerheiligenwochenende zu hören sein: zweimal das Requiem. Mit dem perfekten Dirigenten dafür. (Stefan Ender, DER STANDARD, 30.10.2014)

1. und 2. 11., jeweils 19.30

  • Riccardo Muti als hingebungsvoller Maler von Miniaturen am Allerheiligenwochenende im Großen Saal des Musikvereins.
    foto: apa / javier del real

    Riccardo Muti als hingebungsvoller Maler von Miniaturen am Allerheiligenwochenende im Großen Saal des Musikvereins.

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