Physiker in Princeton: "Keine Vorlesung mit mehr als 20 Studierenden"

Blog30. Oktober 2014, 13:49
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Eine Bilderbuchkarriere hat den Theoretischen Physiker Robert Seiringer von Wien in die USA, nach Kanada und wieder retour nach Wien gebracht

"Ich habe nie langfristig vorausgeplant", erzählt Robert Seiringer. Der 1976 in Vöcklabruck Geborene hat an der Universität Wien Theoretische Physik studiert. "Eine wissenschaftliche Karriere führt notgedrungen ins Ausland", sagt er, "weil da sehr viele sehr gute Forschungsstätten sind." Sein Doktorvater in Wien habe seinen späteren Betreuer in Princeton gekannt, ein Erwin-Schrödinger-Stipendium verschaffte ihm "die notwendige finanzielle Flexibilität".

Also ging er 2001 auf eine Postdoc-Stelle nach Princeton, New Jersey, immerhin eine der renommiertesten Universitäten der Welt – und blieb neun Jahre dort, von 2003 bis 2010 als Assistenzprofessor am Institut für Physik. Den größten Unterschied zum österreichischen Uni-Betrieb sieht er in der Struktur selbst: "Princeton ist sehr klein und sehr kompetitiv, weniger als 10.000 Studierende sind an dieser Privatuniversität. Die Universität Wien ist eine Riesen-Uni mit vergleichsweise freiem Zugang. Da gibt es im Studium kaum Individualbetreuung. Das war für mich ein Sprung ins kalte Wasser, der mir aber gutgetan hat. Ich habe mich durchgekämpft."

College mit Schulsystem

Das amerikanische Collegesystem sei vergleichsweise "eher ein Schulsystem", die Studierenden würden "nicht wirklich als Erwachsene" behandelt. Der große Vorteil: "Ich habe keine Vorlesung gehalten, wo mehr als 20 Studierende drinsaßen. Gibt es mehr, werden in Princeton mehrere Veranstaltungen gleichen Inhalts parallel abgehalten." Über beide Uni-Systeme könne man Positives und Negatives sagen.

2010 wechselte Seiringer von Princeton an die McGill-Universität in Montreal, Kanada. Der Grund: Seine Assistenzprofessur in Princeton war befristet, in Montreal wartete eine volle, unbefristete Professur. Hatte er die Entscheidung, in die USA zu gehen, noch in "völliger Freiheit" getroffen, ging es bei diesem Wechsel auch schon um Frau und Kind. "Meine Frau kommt aus Chile", sagt er, "das ist von überall weit weg. Da machen die USA oder Kanada keinen Unterschied." Der Uni-Betrieb ähnle sich da wie dort mit jeweils hohen Zugangshürden, die kulturellen Unterschiede seien aber "überraschend groß" für ihn gewesen. "Kanada ist wie Österreich ein sozialdemokratisches Land, die Einkommensunterschiede sind kleiner als in den USA, alles ist gemütlicher."

Hinter dem Hügel am IST

Seit 2013 lebt Seiringer wieder in Österreich. Er hat eine volle Professur am Institute of Science and Technology (IST Austria) in Maria Gugging, das sich der Grundlagenforschung und Postgraduiertenausbildung widmet. Für seine Rückkehr nennt er zwei Gründe: Einerseits sei er aus privaten Gründen an einer Rückkehr nach Zentraleuropa interessiert gewesen – es hätte aber nicht unbedingt Österreich sein müssen.

Andererseits seien die Ausstattung und das Forschungsumfeld am IST Austria "ausgezeichnet". "Ich persönlich stimme der Kritik zu, dass die Unis in Österreich unterfinanziert sind", betont er. "Aber wenn da mit Neid aufs IST Austria gesehen wird, ist das falsch. Ich bin der Meinung, dass sich ein Land wie Österreich sowohl gut finanzierte Unis als auch ein Forschungsinstitut wie das IST Austria leisten soll. Wir sind ja keine Konkurrenz zu den Unis, die meisten unserer Doktoratsstudenten kommen aus dem Ausland." Er erwarte sich "eine gegenseitige fruchtbare Kollaboration, auch wenn wir am IST hinter dem Hügel sitzen".

Mehr Lehre in Österreich

Wie man die österreichischen Universitäten attraktiver für einen "Braingain" von österreichischen Forschern aus dem Ausland machen könne? "Gute Bezahlung, gute Ausstattung" nennt er ebenso wie die Möglichkeit, "intensiv zu forschen". Das sei insofern nicht so einfach, als die Lehre an den Unis in Österreich naturgemäß einen so hohen Stellenwert habe. "In Princeton habe ich nie mehr als einen Kurs pro Semester halten müssen, das war ein Aufwand von drei, vier Stunden wöchentlich." An österreichischen Unis sei das viel mehr, die Lehre nehme fast 50 Prozent der Zeit in Anspruch. "Jemanden praktisch allein für die Forschung anzustellen, das kann halt nur eine Privat-Uni." (Tanja Paar, derStandard.at, 30.10.2014)

  • Robert Seiringer zum Studium an der Uni Wien : "Das war für mich ein Sprung ins kalte Wasser, der mir aber gutgetan hat."
    foto: nserc

    Robert Seiringer zum Studium an der Uni Wien : "Das war für mich ein Sprung ins kalte Wasser, der mir aber gutgetan hat."

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