Matchanalyse - 25 Jahre später: "Das zweite Spiel"

29. Oktober 2014, 17:38
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Ein konzeptueller Dokumentarfilm der Extraklasse

Zu den anspruchsvollsten Aufgaben der Zeitdiagnostik zählt die Lektüre von Fußballspielen. Was wurde nicht schon alles in Formationen, Spielzüge, Titel hineingelesen, von einer sozialliberalen (Deutschland 1974) bis zu einer befreiungstheologischen (Argentinien 1978) Variante! Im Kommunismus hingegen war in den Ergebnissen von Spielen der ansonsten oft undurchschaubare Staat zu lesen, der regelmäßig dafür sorgte, dass seine Lieblingsmannschaften auch die Titel holten. Die Menschen reagierten darauf, indem sie anderen Teams die Treue hielten. In Rumänien ließ der Staat nicht einmal diese Alternative richtig zu. Denn man musste auf Teams aus der Provinz ausweichen, die Bukarester Klubs Steaua und Dinamo gehörten beide zur Partei, der eine zum Geheimdienst, der andere zur Armee.

1988 war ein Mann aus Vaslui im rumänischen Nordosten als Schiedsrichter für ein Bukarester Derby eingeteilt. Adrian Porumboiu. Sein Sohn Corneliu war 13 Jahre alt und hatte Angst um ihn. Denn Schiedsrichter sollten im Kommunismus immer so pfeifen, dass die Partei gut aussteigt. 25 Jahre später sehen sich Vater und Sohn dieses Spiel noch einmal an, eine Begegnung im dichten Schneefall, bei der die Spieler zum Teil grotesk herumrutschen.

Der Sohn ist inzwischen einer der wichtigsten rumänischen Filmemacher, der Vater so etwas wie ein Oligarch. Es entwickelt sich zu den Archivbildern ein hintergründiger Dialog über das richtige Leiten einer heiklen Begegnung, die TV-Regie von 1988, über die Verhältnisse in einem Regime. Al doilea joc (Das zweite Spiel) ist ein konzeptueller Dokumentarfilm der Extraklasse: Found Footage wird auf eine Art zum Sprechen gebracht, die zahlreiche Register historischer Erfahrung erschließt. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 30.10.2014)

1. 11., Gartenbau, 13.00

5. 11., Metro, Pleskow-Saal, 22.00

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