Cold Turkey im Förderparadies Burgenland

30. Oktober 2014, 05:30
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Der EU-Geldregen hört bald auf, der Streit um die Lutzmannsburger Therme ist auch ein Symptom

Lutzmannsburg - Die europäische Förderquelle, die durch zwei Ziel-1-Perioden mit anschließendem Phasing-out so üppig gesprudelt ist, fällt trocken. Nicht ganz 47 Millionen Euro werden bis 2020 aus Brüssel noch überwiesen werden. Da und dort wirkt die Förderverminderung wie eine Entzugserscheinung. Und die reichen bis in die hohen politischen Kreise und damit wohl auch in den dräuenden Wahlkampf: Cold Turkey im Förderland. Anhand des Thermenresorts in Lutzmannsburg - die auf Kinder spezialisierte Therme gilt als Erfolgsgeschichte - ließ sich die daraus resultierende zunehmende Gereiztheit des Tons schon beobachten.

Die landeseigene Wirtschaftsservice Burgenland AG (Wibag) betreibt die Therme und ein angeschlossenes Hotel, das als einziges über einen Ruhebereich im phonstarken Kindsgewusel anbietet. Was die privaten, auch Ziel-1-gedopten Hoteliers wurmt. Um 2,6 Millionen Euro war deshalb eine quasi privatisierende Erweiterung der Ruhezone ins Auge gefasst.

Auf Eis gelegt

Die Investition liegt aber auf Eis. Die Wibag, so empört sich die SPÖ, habe es nämlich nicht nur verabsäumt, in Lutzmannsburg Lehrlinge auszubilden, sondern darüber hinaus viel zu wenige Burgenländer beschäftigt. 60 Prozent, so SP-Soziallandesrat und roter Bezirkschef im Bezirk Oberpullendorf, würden "nicht im Land wohnen". Verantwortlich dafür sei der zuständige, zu Schwarz gezählte Direktor, der, alimentiert vom Steuerzahler, "offenbar über kein wie immer geartetes soziales Gewissen verfügt". Der zu Rot gerechnete Direktor habe zu Recht die Investition als Faustpfand für einschlägige Nachbesserungen zurückgehalten.

Das konnte nun aber Franz Steindl, nicht nur VP-Chef im Burgenland, sondern auch Wirtschaftsreferent, nicht unwidersprochen lassen. Der rote Wibag-Chef habe der Region "schweren Schaden zugefügt, ich verlange seine sofortige Ablöse".

Verteilungskampf

Dass Rot und Schwarz einander die Direktoren des eigenen wirtschaftspolitischen Arms so zerzausen, ist doch bemerkenswert, zumal der Wahlkampf ja noch gar nicht wirklich Fahrt aufgenommen hat. Die Verteilungskämpfe um die letzten Tropfen aus dem europäischen Förderbrunnen im pannonischen Bewässerungssystem haben erst begonnen.

Anhand von Lutzmannsburg lässt man seine entzugsbedingten Nervositäten fast genussvoll Laut geben. Wohl auch, weil es hier keiner örtlichen Rücksichtln bedarf. Den Bürgermeister stellt eine Dorfliste. Deshalb lässt sich in Eisenstadt gut reden über dieses Thermendorf an der Grenze. der Standard versuchte, mit Lutzmannsburg zu reden. Aber Christian Rohrer, der Bürgermeister, winkte ab: "Wir sind in dieser Woche in Eisenstadt, haben mit den Herren von der Wibag deshalb Stillschweigen vereinbart." (wei, DER STANDARD, 30.10.2014)

  • Kinder sind in Lutzmannsburg immer und überall willkommen. Wo man vor ihnen Ruhe findet, ist, wieder einmal, Diskussionsstoff.
    foto: sonnenscheintherme/bruckner

    Kinder sind in Lutzmannsburg immer und überall willkommen. Wo man vor ihnen Ruhe findet, ist, wieder einmal, Diskussionsstoff.

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