Fatale Leidenschaft in Rückblenden

29. Oktober 2014, 17:29
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"Das blaue Zimmer" von und mit Mathieu Amalric

Unter Liebenden sind Worte kostbare Dinge. Sie saugen sich voll mit Gefühlen und Bedeutungen, und wem das noch nicht genügt, der beginnt auch noch, "zwischen den Zeilen" zu lesen. Auf diese Weise lässt sich dann vielleicht das ergänzen, was nicht ausdrücklich ausgesprochen wurde. Würde man alles tun, um den anderen für immer an seiner Seite zu haben? In Georges Simenons Roman La chambre bleue / Das blaue Zimmer liegt am Ende jede einzelne Silbe in der Waagschale. Schließlich geht es um Morde, die - so die Vermutung - aus Leidenschaft begangen wurden.

Simenon erzählt von einer Amour fou, von der sich lange nicht sagen lässt, ob die Interessen der involvierten Personen tatsächlich dieselben sind. Er macht zwar den Ausgang bald gewiss, die kunstvoll verschachtelten Rückblenden geben aber die Hintergründe nicht gleich preis. Keine einfachen Voraussetzungen für einen Film, da man das unaufhörliche Hin-und-her-Changieren der Perspektiven möglichst elegant in den Griff bekommen muss.

Mathieu Amalric ist dies in Das blaue Zimmer über weite Strecken sehr überzeugend geglückt. Der französische Schauspieler, der in seiner vierten Regiearbeit die Rolle von Julien, dem Liebhaber, auch selbst übernimmt, hält sich eng an die Struktur der Vorlage, verlegt sie jedoch aus den frühen 1960er-Jahren in die Gegenwart - keine ganz unproblematische Aktualisierung, da Simenons Perspektive auf in starren Ehekonstruktionen gefangene Frauen heute nicht mehr ganz zeitgemäß erscheint. Auch der soziale Hintergrund des Romans, der Julien als Sohn eines Italieners klar als Außenseiter bestimmt, spielt im Film nur noch eine geringe Bedeutung.

Da Amalric die innere Dynamik des Dramas stets zu wahren versteht, fällt es jedoch nicht zu sehr ins Gewicht, dass die Umstände ein wenig unscharf bleiben. Zudem schließt Das blaue Zimmer mit seinem Bewusstsein für Tempo, Rhythmus und Ökonomie in anderer Hinsicht wieder an Tugenden des B-Movies an. Amalric hat in einem unüblich engen 1.33:1-Format gedreht, in starren, schnell wechselnden Einstellungen und das Geschehen mit einem schwungvollen Score von Grégoire Hetzel unterlegt - all das verleiht dem Film eine etwas anachronistische Note.

Die getriebene Person, die mit Staunen in den Augen auf das sich über ihr schließende Netz der Anschuldigungen blickt, bleibt Julien selbst. Er hat sich in diese Affäre mit einer Freundin aus Kindheitstagen gestürzt, aber nie die Kontrolle darüber gewonnen. Stéphanie Cléau spielt Juliens Geliebte als unerschütterliche Person, die noch im Polizeiverhör wahre Gefühle beteuert. Dennoch ist man sich nie ganz sicher, ob sie nicht ganz andere, versteckte Absichten verfolgt. Ironischerweise ist Cléau nicht nur Co-Autorin des Films, sondern auch Amalrics Ehefrau. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 30.10.2014)

2. 11., Gartenbau, 21.00; 3. 11., Stadtkino i. Künstlerhaus, 13.30

  • Geflüsterte Liebesbekundungen beim Seitensprung, die sich später noch rächen können: Mathieu Amalric in der Simenon-Adaption "Das blaue Zimmer".
    foto: viennale

    Geflüsterte Liebesbekundungen beim Seitensprung, die sich später noch rächen können: Mathieu Amalric in der Simenon-Adaption "Das blaue Zimmer".

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