Tiroler Kunstprojekt Warteräume: Ein Blick ins Flüchtlingsheim

Ansichtssache29. Oktober 2014, 17:50
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Zwei Künstler haben alle Tiroler Asylwerberunterkünfte besucht und sich auf eine "visuelle Recherche" begeben - das Ergebnis wird derzeit in Innsbruck ausgestellt

Am besten ging es den Menschen in den Containern. In solchen, ähnlich der Box, die derzeit am Platz vor dem Innsbrucker Landestheater steht. "Das hatten wir nicht erwartet", sagt Robert Gander, "aber alles ist besser als diese heruntergewirtschafteten Gasthäuser" – er zeigt auf Fotos an der linken Innenwand des Containers. Rund zwanzig Außenansichten von Gebäuden sind dort ausgestellt: Bauernhäuser, Betonbauten, eine ehemalige Kaserne, die Containerstadt – unterschiedlicher könnten die Asylwerber kaum untergebracht sein.

Gander und der Architekturfotograf Günter Richard Wett haben in den vergangenen zwei Jahren alle Tiroler Flüchtlingsheime besucht. Sie haben Interviews geführt, fotografiert, Videos gedreht. "Das Hauptthema von Asylwerbern ist das Warten. Sie dürfen nicht arbeiten, fühlen sich nutzlos. Dazu kommt, dass sie oft nichts über ihren Verfahrensstand wissen. Es ist wohl Kalkül, diese Menschen in einer rechtslosen Situation zu behalten", sagt Gander.

1940 Plätze belegt

Warteräume heißt nun auch die Ausstellung in und um den Baucontainer in Innsbruck. Außen findet man Fakten: 0, 27 Prozent sei der Anteil von Asylwerbern bei Menschen mit Hauptwohnsitz in Tirol, 1940 Flüchtlinge seien in dem Bundesland derzeit untergebracht. "Flüchtlingswelle? Das ist doch bitte eine verschwindend geringe Zahl", sagt Gander.
Die Rückwand des Containers ist voll mit fast unlesbar kleiner Schrift. Das Bundesgesetz über die Gewährung von Asyl. "Sogar wenn man deutsch spricht, ist das kaum verständlich, es wurde zig Mal abgeändert, man kennt sich nicht aus", sagt Gander.

Im Boxinneren kommen dann die Asylwerber zu Wort. Auf Bildschirmen werden Interviews abgespielt. Bei einigen hängen Österreichflaggen über dem Bett. "Unser Projekt hat nicht den Anspruch, die Welt zu verbessern, sondern Flüchtlingen das Gefühl zu geben, gehört zu werden", sagt Gander. Im Video, das neben ihm abgespielt wird, ist eine Frau aus dem Irak zu sehen. "Ich wurde vor dem Gefängnis bewahrt", sagt sie. "Aber manchmal fühle ich mich wie eine Gefangene hier." (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 29.10.2014)

foto: günter richard wett

Ein Zimmer im Flüchtlingsheim in Kufstein.

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foto: günter richard wett

Außenansicht vom Flüchtlingsheim in Schwaz, das aus Wohncontainern besteht.

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Das Kunstprojekt Warteräume wird bis 9. November am Platz vor dem Tiroler Landestheater in Innsbruck ausgestellt.

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foto: günter richard wett

Robert Gander und Günther Richard Wett haben über 60 Asylwerber interviewt. Im Ausstellungscontainer wird eine Auswahl der Videoaufzeichnungen präsentiert.

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