Das letzte Dorf an der Front gegen die IS

Reportage28. Oktober 2014, 18:02
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Die Kurden im Norden Syriens melden kleine Fortschritte, an einen Vorstoß auf Kobane ist aber nicht zu denken

Das Video, das türkische Soldaten im scheinbar freundlichen Gespräch mit Kämpfern der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) am türkischen Grenzposten hinter der umkämpften Stadt Kobane zeigt, sorgt in Kamishli für Aufregung und ist Tagesgespräch. Kamishli ist mit einer halben Million Einwohnern größte Stadt in Rojava, der von Kurden selbstverwalteten Provinz im Norden Syriens, zu der auch das 250 Kilometer westlich gelegene Kobane gehört.

Das Video wurde am Montag das erste Mal ausgestrahlt, angeblich wurde es vor fünf Tagen aufgenommen, im kurdischen Lokalfernsehen wird es stündlich gezeigt und empört kommentiert.

Kobane ist von Kamishli durch ein Gebiet getrennt, das von der IS unter Kontrolle gebracht wurde. Die Front zur IS liegt von Kamishli nur etwa 40 Kilometer entfernt. Die Fahrt zu den Stellungen, wo sich IS und die YPG, die Streitkräfte der Kurden, bekriegen, führt durch leere, zerstörte Dörfer. Vor zwei Monaten hat hier noch die IS gewütet, mittlerweile ist sie zurückgedrängt. Das letzte Dorf vor der Front gegen die Gruppe "Islamischer Staat" heißt Shermak.

foto: wolf-dieter graber

Die Streitkräfte der YPG, in der neben Kurden auch Jesiden, Araber und christliche Assyrer kämpfen, haben sich hier eingegraben und richten sich auf längere Gefechte ein. Der junge Mann am Maschinengewehr heißt Rotaz, er ist 21 Jahre alt.

Sein Kommandant ist Hogin, er will in den nächsten Tagen eine Offensive starten. Er deutet den Hügel rüber und sagt nur "Daesh". So wird die IS hier genannt.

Leben in den Trümmern

Diese ist nur vier Kilometer entfernt, das Dorf, in dem sie sich niedergelassen hat, heißt Mas Dusa. Granaten sind zu hören, Maschinengewehr, auf beiden Seiten steigen Rauchwolken auf. Saido, Girava und Kadar teilen sich ein Zimmer in einem leeren Haus. Auf dem Boden liegen Matratzen, an den Wänden lehnen die Waffen.

foto: wolf-dieter grabner
Gesprengtes Minarett im Dorf Til Marof: Die IS wollte die gesamten Türme in die Luft jagen, doch diese blieben stehen. Wie durch ein Wunder, sagen die wenigen verbliebenen Bewohner.

Die drei jungen Männer stammen aus demselben Dorf, seit zweieinhalb Monaten sind sie hier und kämpfen. Vor dem Haus läuft Ahmed herum, ein kleiner Bub, sein Alter will er nicht sagen. Sein Vater ist hier gegen die IS umgekommen, seine Familie will das zerstörte Dorf nicht verlassen, die Mutter, ein weiteres Kleinkind, die Tante und die Schwester leben in den Trümmern. Sie sind die letzte Familie hier. Die kurdischen Kämpfer zucken mit den Schultern. Sollen sie hierbleiben.

foto: wolf-dieter grabner

Ein paar Kilometer dahinter liegt das Dorf Til Marof. Hier haben Christen und Muslime friedlich zusammengelebt. Der Ort ist zerstört. In den Ruinen haben sich die YPG-Kämpfer eingerichtet. Die Moschee ist verwüstet. Die IS hat versucht, beide Türme zu sprengen. Beim linken Turm wurde das Fundament weggesprengt, der Turm sackte herunter, blieb aber wie durch ein Wunder stehen. Beim rechten Turm wurde die Kuppel in die Luft gejagt.

Gelingt es den YPG-Streitkräften, die IS aus Mas Dusa zurückzudrängen, könnten sie eine größere Offensive starten. Ein Erfolg ist aber nicht sehr wahrscheinlich. Die IS verfügt über schwere Waffen und gepanzerte Fahrzeuge, die Kurden sind zwar hochmotiviert, aber schlecht ausgerüstet. Den Angriff wollen sie dennoch starten. An einen Durchstoß Richtung Kobane ist aber nicht zu denken, zu stark ist die IS. In die andere Richtung sieht man eine Hügelkette aufsteigen, das ist bereits die Türkei. Die Verbitterung über den stillen Feind im Rücken ist groß, das Video hat nur bestätigt, was alle hier ohnedies zu wissen glaubten: Die Türkei arbeite mit der IS zusammen. (Michael Völker aus Kamishli, DER STANDARD, 29.10.2014)

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