Das wenig geglückte Experiment der österreichischen Entnazifizierung

29. Oktober 2014, 17:08
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Es waren harte Worte, die der große US-Chemiker Carl Djerassi in seiner im Vorjahr erschienenen Autobiografie für Österreichs Umgang insbesondere mit der Geschichte nach 1938 fand. Der nach dem "Anschluss" vertriebene Wissenschafter beklagte zum einen, dass diese Aufarbeitung in Österreich drei Jahrzehnte später einsetzte als in Deutschland. Zum anderen wollte er "ausdrücklich betonen, dass die österreichische Regierung wesentlich früher damit begann als die akademische Gemeinschaft".

Etliche gute Erklärungen dafür, warum sich Österreich und insbesondere seine Universitäten mit dieser Aufarbeitung so lange schwertaten, liefert nun der Zeithistoriker Christian H. Stifter. Der Direktor des Österreichischen Volkshochschularchivs sichtete für seine umfang- und materialreiche Studie bis dahin kaum erforschtes Quellenmaterial: die in Washington aufbewahrten Aktenbestände über US-Planungen, wie man Österreich und seine Unis nach dem Krieg entnazifizieren und "umorientieren" sollte.

Die ersten diesbezüglichen Überlegungen stammten bereits aus dem Jahr 1941. Die US-Amerikaner wollten mit ihrer "education for victory" nicht nur im Krieg siegen. Vor allem wollten sie damit nach 1945 auch die Verlierer (also Nazi-Deutschland und seine Verbündeten) für eine nachhaltige politische Umorientierung gewinnen. Für dieses gewaltige sozialpsychologische "Experiment" wurden auch zahlreiche Forscher engagiert, die dabei die Politiker beraten sollten.

Ursprünglich machten die US-Amerikaner bei diesen Umerziehungsprojekten wenig Unterschied zwischen Österreich und Deutschland, wie Stifter zeigt: Ziel war in beiden Fällen die umfassende Entnazifizierung und Demilitarisierung.

Eine gewisse Differenz gab es freilich doch: Die USA setzten ab 1943 auf Österreichs Westintegration und unterstützten aus strategischen Gründen die "Opferdoktrin" Österreichs, während bei Deutschland eher der Bestrafungsaspekt im Zentrum stand.

Es gab allerdings noch etliche weitere Gründe, warum diesem Experiment der Entnazifizierung im Falle Österreichs nach 1945 kein allzu großer Erfolg beschieden war, wie Stifter herausarbeitet: So herrschten zwischen den militärischen und den zivilen Behörden Abstimmungsprobleme.

Das zeigte sich unter anderem auch bei der Entnazifizierung an den Universitäten, die in Stifters Opus magnum als ein zentrales Beispiel dienen: Auf einen unmittelbar nach Kriegsende noch strengen Umgang mit NS-belasteten Professoren folgte bald eine sehr viel kompromissbereitere Haltung. Die Entnazifizierung an den Unis und zumal an der ÖAW scheiterte damit über weite Strecken; die von US-Amerikanern erstellten Listen mit hunderten rückkehrbereiten Exilanten blieben vom Unterrichtsministerium weitgehend unbeachtet. Dort hatten längst Führungskräfte des Dollfuß/Schuschnigg-Regimes das Sagen.

Auch wegen des beginnenden Kalten Krieges wurde aus der geistigen Erneuerung der Unis eine Restauration der konservativen, antiamerikanischen Eliten, resümiert Stifter und führt dafür zahlreiche Fallbeispiele an. Ebendiese geistige Restauration sollte Österreichs Unis noch viele Jahrzehnte prägen - und nach 1945 eine Aufarbeitung der Geschichte vor 1945 allzu lange erfolgreich behindern. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 29.10.2014)

Buchpräsentation: 30. Oktober, 18 Uhr, Amerika-Haus, Friedrich-Schmidt-Platz 2, 1010 Wien

  • Christian H. StifterZwischen geistiger Erneuerung und RestaurationUS-amerikanische Planungen zur Entnazifizierung und demokratischen Neuorientierung österreichischer Wissenschaft 1941–1955Böhlau-Verlag 2014755 Seiten, 49 Euro
    cover: böhlau

    Christian H. Stifter
    Zwischen geistiger Erneuerung und Restauration

    US-amerikanische Planungen zur Entnazifizierung und demokratischen Neuorientierung österreichischer Wissenschaft 1941–1955
    Böhlau-Verlag 2014
    755 Seiten, 49 Euro

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