Verborgene Schriften sichtbar machen

31. Oktober 2014, 12:04
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Quasi unsichtbare uralte Schriften, die in der Österreichischen Nationalbibliothek lagern, geben dank modernster Technik ihre Geheimnisse preis

Wien - Konstantinopel im 16. Jahrhundert: Ogier de Busbecq ist als offizieller Gesandter Seiner Kaiserlichen Hoheit Ferdinands des Ersten in der Hauptstadt des damaligen Osmanischen Reiches stationiert. Das Interesse des flämischen Adligen gilt aber nicht nur seiner diplomatischen Mission. "Er war ein begeisterter Handschriftensammler", erklärt die Philologin Jana Grusková.

Die Bosporus-Metropole stellt für den bibliophilen Botschafter ein äußerst interessantes Jagdrevier dar. Über die Jahre erwirbt de Busbecq mehrere kostbare Folianten, also Bücher im Format eines halben Bogens. Darunter eine gebundene Sammlung kirchlicher Verordnungen aus dem 10. Jahrhundert. Später vermacht er diese Werke der Wiener Hofbibliothek. Das oben genannte Buch wird irgendwann unter dem Titel "Codex Vindobonensis historicus gr. 73" katalogisiert und verschwindet in den Regalen.

Der Dornröschenschlaf dauert rund 400 Jahre. Dann beginnen mehrere Wissenschafter, die Bestände der Österreichischen Nationalbibliothek systematisch nach sogenannten Palimpsesten zu durchsuchen. Das sind Bücher und Blätter aus mehrfach beschriebenem Pergament. Das aus gegerbter Tierhaut gefertigte Schreibmaterial war teuer und wurde im Mittelalter gerne mehrfach verwendet. Dafür schabte man die Tinte der ursprünglichen Schrift ab, bis wieder ein blanko Blatt vorlag.

Doch oft blieben Spuren des ersten Textes erhalten - eine potenzielle Fundgrube für Gelehrte. Um die Schriftreste wieder lesbar zu machen, nutzten Forscher im 18. und 19. Jahrhundert verschiedene Tinkturen, wie Grusková berichtet. Diese Chemikalien entfalteten allerdings auch eine zerstörerische Wirkung: So ließ sich der Text zwar entschlüsseln und der Inhalt niederschreiben, aber die Handschrift an sich ging für die Nachwelt leicht verloren.

Die moderne Technik hat da schon wesentlich elegantere Lösungen parat. Grusková, die an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien tätig ist, arbeitet zurzeit gemeinsam mit ihrem Kollegen Gunther Martin von der Universität Bern daran, dem "Codex Vindobonensis historicus gr. 73" seine Geheimnisse zu entlocken. Der österreichische Wissenschaftsfonds FWF finanziert das Projekt. Dem Band wurden im 13. Jahrhundert am Ende elf palimpsestrierte Blätter hinzugefügt. Auf ihnen hatten Mönche Klosterregeln und Gebete niedergeschrieben.

Die Pergamentfolien entstammen ursprünglich zwei verschiedenen Handschriften aus dem 11. Jahrhundert. Deren Textfragmente wurden zwar schon vor Jahrzehnten entdeckt, sie ließen sich aber mithilfe des noch immer häufig verwendeten UV-Lichts nicht genau lesen. Zu schwach waren die Tintenspuren.

Es werde Licht

Eine Kooperation mit US-amerikanischen Experten hat nun den Durchbruch gebracht. Das Technikerteam der Early Manuscripts Electronic Library (EMEL), einer Forschungsorganisation mit Sitz in Los Angeles, reiste mit seiner Ausrüstung nach Wien und setzte dort das neu entwickelte Multispektral-Verfahren ein. Die Blätter werden dabei mit Licht verschiedener Wellenlängen bestrahlt. Jede wird von Pergament und Tinte unterschiedlich stark absorbiert.

Das Maß der Absorption lässt sich auf speziellen Fotoaufnahmen festhalten. Die Wissenschafter fügen die Bilder anschließend im Computer zusammen und bekommen so eine erstaunlich detaillierte Darstellung der verborgenen Schrift. Die Lesbarkeit des Textes wurde so von 15 auf 60 Prozent erhöht, berichtet Jana Grusková. Jetzt eröffnen sich ganze Sätze und der Inhalt.

Der größte Teil der Palimpseste aus dem Codex enthält Berichte über das Leben von Heiligen. Besonders interessant sind die letzten beiden Doppelblätter: Sie scheinen aus einer Kopie der Scythica des griechischen Geschichtsschreibers Dexippus von Athen entnommen zu sein. Eine kleine Sensation. Denn bislang waren von diesem Werk nur Zitate und übertragene Ausschnitte bekannt.

Dexippus lebte im 3. Jahrhundert nach Christus. In der Scythica beschreibt er, wie zu seiner Zeit gotische Stämme auf der südlichen Balkanhalbinsel einfallen. Das heutige Griechenland und die nördlich davon gelegenen Gebiete unterstanden damals dem Römischen Imperium. Die Invasoren hinterließen Verheerungen. Mehrere Städte wurden geplündert, darunter Thessaloniki und Athen.

Berichte vom Widerstand

Die Geschichte dieser Kriegszüge gilt als schlecht dokumentiert. Es gab bisher keine detaillierten Darstellungen von Zeitzeugen. Die Wiener Palimpseste jedoch können offensichtlich einige Wissenslücken schließen. Die Dexippus zugeschriebenen Texte berichten sowohl über die Invasion durch ein Gotenheer unter Leitung von Fürst Cniva während der Jahre 250/251 als auch über die sogenannten Herulereinfälle 267/268. Im ersten Fragment wird unter anderem ein gewisser Ostrogotia erwähnt. Er dürfte ein gotischer Anführer gewesen sein und war bereits in anderen, späteren Schriften aufgetaucht. "Viele sagen, der sei eine Erfindung", erklärt Gunther Martin. "Wir haben jetzt jedoch eine zeitgenössische Quelle, die bestätigt, dass ein Mann dieses Namens wirklich existiert hat."

Der zweite Textteil enthält eine weitere wichtige und bis dato unbekannte Facette. Der Chronist berichtet über den kollektiven Widerstand hellenischer Truppen aus unterschiedlichen Städten. Man hatte sich den vorrückenden Goten, hier Heruler genannt, gemeinsam an den Thermopylen entgegengestellt - dort, wo das Land 687 Jahre vorher schon gegen die Perser verteidigt wurde. Dexippus stellt die Griechen als Einheit dar, was sie aber keineswegs waren, wie Martin sagt. "Er beschwört den Hellenismus herauf." Das Kommando hatte allerdings ein römischer Beamter.

Für ein faszinierendes Detail brauchten die Forscher keine Technologie: Ein prominenter Vorbesitzer des von de Busbecq gekauften Bandes, Theodosius der IV., Patriarch von Antiochia, hat auf der letzten Seite eine Warnung an potenzielle Diebe hinterlassen: "Derjenige, der diesen Codex entfremde, möge der unauflöslichen Exkommunikation durch den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist unterliegen und das Schicksal des Verräters Judas erleiden." Keine Frage, der Mann liebte seine Bücher. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 29.10.2014)

  • Die Buchseiten werden mit Licht verschiedener Wellenlängen bestrahlt. Weil Pergament und Tinte dieses Licht unterschiedlich stark absorbieren, wird die verborgene Schrift freigelegt.
    foto: spectral imaging by the early manuscripts electronic library. processed image by david kelbe. © project fwf p24523-g19

    Die Buchseiten werden mit Licht verschiedener Wellenlängen bestrahlt. Weil Pergament und Tinte dieses Licht unterschiedlich stark absorbieren, wird die verborgene Schrift freigelegt.

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