Historikerin Erika Weinzierl gestorben

28. Oktober 2014, 21:33
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Die Zeithistorikerin war die unumstrittene Doyenne des Faches in Österreich. Mit ihrem Werk, aber auch mit ihren Interventionen als öffentliche Intellektuelle hat sie entscheidend zur Aufarbeitung der NS-Zeit in Österreich beigetragen

Wien - Sie war die unumstrittene Grande Dame der heimischen Zeitgeschichte - und weit mehr als das: Erika Weinzierl hat in zahllosen Publikationen und Wortmeldungen auch als öffentliche Mahnerin und Aufklärerin wichtige Beiträge zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der Zeit davor geleistet.

Am 6. Juni 1925 als Erika Fischer in Wien geboren, begann sie noch während des Krieges in Wien Medizin zu studieren, wechselte 1945 aber zu Geschichte und Kunstgeschichte und schloss das Studium nach nur drei Jahren ab. Parallel absolvierte sie den Lehrgang des Instituts für Geschichtsforschung an der Uni Wien.

Ihren unermüdlichen Kampf gegen den Nationalsozialismus hatte sie damals längst begonnen: Noch als Studentin hatte sie sich der Widerstandsgruppe rund um den katholischen Geistlichen Karl Strobl angeschlossen. Typisch für Weinzierl: 1963 machte sie als erste Historikerin das Verhalten der katholischen Kirche während der Nazizeit zum Thema.

1949 heiratete sie den Experimentalphysiker Peter Weinzierl, 1950 und 1954 wurden ihre Söhne Michael sowie Ulrich geboren. Nach einer Tätigkeit im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien und ihrer Habilitation 1961 wurde Weinzierl 1969 ordentliche Professorin an der Uni Salzburg. In ihrer Antrittsrede widmete sie sich einem weiteren tabuisierten Thema der Forschung: den Beziehungen zwischen Wissenschaft und Politik vor allem in der Zwischenkriegszeit.

Von 1979 bis zu ihrer Emeritierung 1995 wirkte die über Österreichs Grenzen hinaus bekannte Historikerin dann als Ordinaria am Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien und prägte mehr als nur eine Generation von Historikern. Tausende Studierende nicht nur der Geschichte hörten ihre beeindruckenden Vorlesungen im Audimax der Universität Wien. Insgesamt hat die produktive Historikerin 30 Bücher verfasst oder mitherausgegeben und mehr als 200 Aufsätze und wissenschaftliche Beiträge geschrieben.

Als öffentliche Intellektuelle wirkte sie aber auch weit über die Universität hinaus: Die deklarierte Pazifistin setzte sich gegen die Atomrüstung, für eine humane Asyl- und Migrationspolitik und vor allem für eine umfassende und tabulose Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ein. Weinzierl war darüber hinaus langjährige Präsidentin der "Aktion gegen den Antisemitismus" und Mitbegründerin der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung und saß im Kuratorium des Bruno-Kreisky-Archivs.

Nicht nur wissenschaftlich, auch politisch bezog Weinzierl eindeutig Stellung: etwa auch im Streit zwischen Bruno Kreisky und Simon Wiesental, als sie Kreisky öffentlich kritisierte. 1995 trat die Zeithistorikerin nach 30 Jahren Mitgliedschaft aus der ÖVP aus. Anlassfall war "der erste Versuch von Wolfgang Schüssel, mit Jörg Haider und der Haider-FPÖ eine Regierungskoalition einzugehen", so Weinzierl.

Bundespräsident Heinz Fischer würdigte in seinem Nachruf den Beitrag Weinzierls "zur Festigung des demokratischen Bewusstseins"; dieser könne "gar nicht hoch genug eingeschätzt werden". Österreich verliere mit ihrem Tod "die Doyenne der zeitgeschichtlichen Forschung".

Bis 2008 erschien Weinzierl noch fast täglich zum Arbeiten an "ihrem" Institut. Dienstagfrüh starb sie 89-jährig in Wien. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 29.10.2014)

-> Reaktionen: "Über Parteigrenzen hinweg anerkannte moralisch-ethische Instanz"

  • Mahnerin und Aufklärerin: Mit dem Tod von Erika Weinzierl  verliert Österreich eine der wichtigsten Intellektuellen der Zweiten  Republik.
    foto: apa/robert jaeger

    Mahnerin und Aufklärerin: Mit dem Tod von Erika Weinzierl verliert Österreich eine der wichtigsten Intellektuellen der Zweiten Republik.

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