Kein Vater, keine Mutter, kein Kind 

28. Oktober 2014, 17:10
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"Von den Beinen zu kurz" in der Drachengasse thematisiert sexuellen Missbrauch

Wien - Eine Kindertapete schimmert durch die weiße Farbe an den unordentlich übermalten Wänden. Rosa Luftballons sind im Raum verteilt und mit Gewichten befestigt, ihrer Schwerelosigkeit beraubt. Der erste Eindruck der Bühne (Alexandra Burgstaller) im Theater Drachengasse macht klar: Das Stück Von den Beinen zu kurz ist keine klassische Vater-Mutter-Kind-Geschichte.

Ein Vater vergreift sich jahrelang an seiner kleinen Tochter, und keiner will etwas gemerkt haben. In ihrem ersten Stück erzählt die erst 23-jährige Autorin Katja Brunner die beklemmende Geschichte von innerfamiliärem sexuellem Missbrauch.

Das gesellschaftliche Tabuthema wird von Brunners sprachgewaltigem Text gnadenlos gebrochen und durch die einzigartige Erzählform noch potenziert. Die Umstände des Missbrauchs verpackt Brunner in Form innerer Monologe ihrer Charaktere. Denn die Sprache dieser inneren Stimmen ist ambivalent - sie beschwichtigt, sie verleugnet und sie rechtfertigt.

Da gibt es zunächst den Vater, der Liebe beteuert. Den Arzt, der als Außenstehender gesellschaftlich repräsentativ seine Augen verschließt. Die Mutter, die in ihrer Tochter eine Rivalin sieht. Und schließlich die Tochter selbst, die die einzige Liebe, die sie je gekannt hat, nicht verlieren möchte. Die sagt, dass sie sich sogar nach den Berührungen ihres Vaters sehnt.

Regisseurin Margit Mezgolich lässt drei Frauen und einen Mann zu den Stimmen der Protagonisten werden. Diese weibliche Dreiheit entspricht nicht der Rollenteilung: Jede der Schauspielerinnen kann zur Stimme jeder Person im Stück werden. Jegliche Dichotomien werden somit aufgelöst: Es gibt weder Subjekt noch Objekt, keiner lässt sich als Täter oder Opfer kategorisieren.

Gerade diese Uneindeutigkeit macht das Stück so gewaltig. Die sprachlichen Gebilde werden zur Konstruktion einer eigenen Wirklichkeit - ständig ist der Zuseher aufgefordert, sich den Relativierungen, den Beteuerungen zu entziehen, eine eigene Definition von Täter und Opfer und eine eigene Perspektive herzustellen. Katja Brunner löst in ihrem Text keineswegs Gut und Böse auf - viel eher wird deutlich, wie gewillt wir sind, eben das selbst zu tun.

Die fulminante Inszenierung in der Drachengasse ist demnach vor allem der starken Textvorlage geschuldet. Brunner wurde für ihr Stück mit dem Mühlheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet. (Lina Paulitsch, DER STANDARD, 29.10.2014)

  • Barbara Gassner, Petra Strasser und Anna Kramer (v. li.) werden zu den inneren Stimmen der Beteiligten: Der Missbrauch wird von allen verleugnet - und damit erst ermöglicht.
    foto: andreas friess

    Barbara Gassner, Petra Strasser und Anna Kramer (v. li.) werden zu den inneren Stimmen der Beteiligten: Der Missbrauch wird von allen verleugnet - und damit erst ermöglicht.

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