Expressive Erzählkünste

28. Oktober 2014, 17:12
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Saxofonist Mats Gustafsson im Porgy & Bess

Wien - Über den ästhetischen Charakter eines Musikers gibt nicht nur dessen Spielweise etwas preis. Ist ihm eine Personale gewidmet - wie nun Saxofonist Mats Gustafsson im Porgy & Bess -, erhellen auch die von ihm eingeladenen Gäste das Wesen des Porträtierten. Und diesem Sven Åke Johannsson überlässt Gustafsson die Bühne ganz und gar - und lacht wahrscheinlich erstaunt zu den Künsten des unorthodoxen Routiniers.

Johannsson schlagzeugt da auf offenen Telefonbüchern, blättert und trommelt weiter. Auch hat er eine sentimentale Jazzseite, die er - in der Art Fred Astaires - singend auslebt. Herzerwärmend. So jemand einzuladen, kann kein Zufall sein, und auch bei Gustafsson entdeckt man schnell den nostalgischen Bezug zur Jazzhistorie. Zwar ist der schwedische Multisaxofonist ein expressiver Freejazzer, der gerne mit dem Oberschenkel sein Instrument zwecks Klangverfremdung abdämpft und bisweilen klingt, als wären im Saxofon fünf wilde Elefanten gefangen.

Im Duo mit Schlagzeuger DD Kern münden jedoch instrumentale Exzesse gerne in lyrischen Linien, die zeigen, dass Gustafsson durchaus auch die Vielfalt des Ausdrucks schätzt. Auch bei der Formation Swedish Azz mit Per-Åke Holmlander, Kjell Nordeson, Erik Carlsson und Dieb13: Auch hier sind kollektive Plaudereien der hitzigen Art möglich, ein urwüchsiger Expressionismus, der von vitaler Impulsivität zeugt.

Wie dann aber Dieb13 eine alte Aufnahme mit samtig-weichem Saxofon aus ferner Zeit abspielt und der Verfremdung zuführt, legt sich diese wehmütige Reminiszenz über die Band, und Gustafsson improvisiert gleichsam im Duo mit der Jazzhistorie wunderbar schmerzvolle Girlanden.

Ein Energiemusiker, aber auch ein Zeitgenosse mit historischem Bewusstsein. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 29.10.2014)

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