Organisierter Betrug bei Pharmazie-Prüfung in China

29. Oktober 2014, 09:00
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Tausende Betrugsfälle - Nach Einführung landesweiter Fachexamen blüht Geschäft für Banden

Extreme Ausschläge auf der Ultrakurzwelle fielen einem chinesischen Tontechniker auf, der in der zentralchinesischen Provinz Shaanxi unterwegs im Peilwagen der Telekom war. Die Frequenz war professionellen Funkdiensten vorbehalten und für den privaten Sprechfunk nicht zugelassen. Als er sich einschaltete, hörte er verdächtige Zahlenreihen. Doch es hatte nichts mit Spionage zu tun: Der Funk-Überwacher war zufällig in einen landesweit organisierten gigantischen Prüfungsschwindel geraten, in Chinas größten Massenbetrug bei Examen.

25.000 Teilnehmer unterzogen sich am 18. und 19. Oktober in der Provinz zweitägigen Tests für einen Abschluss in ihrem Berufsfach Pharmazie. Sie schwitzten über Fragen aus der Arzneimittelkunde, deren richtige Beantwortung die Voraussetzung für einen selbstständig ausgeübten Apothekerberuf ist, ob im Einzelhandel oder im Krankenhaus.

Knopfempfänger im Ohr

Jeder Zehnte - insgesamt 2440 Kandidaten - brauchte nicht lange nachzudenken: Er hatte einen kleinen Knopfempfänger im Ohr oder hielt verborgen in der Hand einen Radiergummi mit Mini-Bildschirm vor sich. Nach Diktat und digitalisierter Vorgabe setzten sie ihre Haken in die Antwortfelder. Die Zahlenkolonnen, die den Tontechniker hellhörig gemacht hatten, wie etwa "11:15, 2, 4, 2, 1, 2" bedeuteten simpel: In der Reihe 11 bis 15 folgende Antworten anstreichen.

Als die alarmierten Behörden noch während der laufenden Prüfungen die Teilnehmer kontrollierten, fielen ihnen buchstäblich haufenweise Kleinstsender und unter der Kleidung versteckte Kabel in die Hände. Allen 2440 Ertappten wurden die Prüfungen aberkannt. Zwei Jahre sind sie für eine Wiederholung des Examens gesperrt. Mehrere Mitglieder zweier Banden, die den Betrug generalstabsmäßig organisiert hatten, wurden festgenommen.

Kein Einzelfall

Das sind keine Einzelfälle: Nach Recherchen des Standard wurden in Südwestchinas Provinz Yunnan zeitgleich im Fachtest Pharmazie 1027 Examenskandidaten auf frischer Tat ertappt. Acht mutmaßliche Organisatoren wurden festgenommen. Am Dienstag wurden 1070 Betrugsfälle von den Prüfungen in Sichuan gemeldet.

Die Dunkelziffern dürften noch viel höher liegen. Manche Empfangsgeräte wurden gar nicht entdeckt, weil sie sich als Hightech-Miniaturen - so klein wie Reiskörner - im Gehörgang verstecken ließen und mit einem Magnet leicht wieder zu entfernen sind. Displays waren auch in Uhren und Brillengestellen eingelassen.

Lokalzeitungen sprechen von einem Millionengeschäft für Banden, die sich auf die Examenshilfe spezialisiert haben. Sie tarnten sich als Trainingszentren, für hohe Kursgebühren lernten die Teilnehmer, mit den Empfängern zu hantieren. Allein die Ausleihgebühr für die Technik koste die Prüflinge 2000 Yuan (240 Euro).

Arzneimittelbereich boomt

Die landesweiten Fachprüfungen wurden erst vor wenigen Jahren für wichtige Berufe eingeführt. Im boomenden Arzneimittelbereich, wo der Verkauf von gefälschten Produkten oder schlechte Beratung gefährliche Folgen hat, müssen Einzelhändler oder Apotheker zertifiziert sein, um eigenständig arbeiten zu dürfen. Nach Fachpersonal mit Lizenz wird händeringend gesucht.

In der 40-Millionen-Einwohner-Provinz Shaanxi kommen auf 8500 Apotheken und andere Pharma-Vertriebe nur 4000 zertifizierte Fachkräfte, in Yunnan sind es 3882 Experten für fast 14.500 Unternehmen. Der Staat schreibt aber einen lizenzierten Apotheker pro Handelsstelle für Medizinprodukte vor. Jeder, der die Prüfungen besteht, kann so sein Gehalt mindestens verdoppeln bis verdreifachen. Das hat zusammen mit einer für 2015 angekündigten Prüfungsverschärfung zum Massenansturm auf die diesjährigen Examen geführt. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 29.10.2014)

  • Chinesische Lehrer überwachen einen Aufnahmetest für Unis. In wichtigen Fächern müssen die Studenten besondere Examen ablegen.
    foto: epa/mark

    Chinesische Lehrer überwachen einen Aufnahmetest für Unis. In wichtigen Fächern müssen die Studenten besondere Examen ablegen.

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