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1. November 2014, 08:00

Wenn Katharina Linhart in beruflicher Mission unterwegs ist, muss auch ihre Kleidung stimmen. Die Kunden können zwischen einem keltischen Kleid aus schwerem, rotem Samt und einem schwarzen Umhang mit Kapuze wählen. Überhaupt müssen die Kunden viele Entscheidungen treffen, bevor sich die Frau ans Werk machen kann. Welche Lieder sollen gesungen werden? In welcher Form soll das Erdungsritual vollzogen werden? Soll die heilige Pfeife von Gast zu Gast gereicht werden? Katharina Linhart ist schamanisch praktizierende Energetikerin. Zu ihrem Geschäft gehört es auch, Zeremonien abzuhalten. Für Hochzeiten, Namensgebungsfeiern, Begräbnisse und Scheidungsrituale kann man die 42-Jährige buchen.

christian fischer
Katharina Linhart arbeitet mit verschiedenen Utensilien, zum Beispiel Krähenfedern.

Zwar hat die römisch-katholische Kirche in Österreich immer noch mehr als fünf Millionen Mitglieder, die Zahl der Kirchenaustritte ist aber auch 2013 weiter gestiegen. Das sind auch Linharts Kunden: Menschen, die sich von der Kirche abgewendet haben, Feste aber feierlich begehen wollen.

Die fröhliche Frau mit ausdrucksstarker Stimme und leuchtenden Augen vereint viele Rollen: Sie ist Närrin, die anderen den Spiegel vorhält. Sie ist Lehrerin, Beraterin, aber auch Reisende, die andere durch schamanische Weltenebenen begleitet. Die Klienten kommen mit Burn-out-Erkrankungen oder körperlichen Beschwerden zu ihr, oder auch mit außergewöhnlicheren Anliegen, zum Beispiel Seelenanteilsrückholungen, Hausreinigungen oder Traumabehandlungen. Mit dem Begriff Heilerin geht Linhart vorsichtig um. "Ich kann nicht heilen, wie auch ein Arzt nicht heilen kann. Das kann nur der Patient selber. Ich versuche, einen Weg aufzuzeigen."

Die Praxis der ehemaligen Flugbegleiterin ist in Perchtoldsdorf, wo sie seit ihrer Kindheit in einem Haus aus dem Mittelalter lebt. Sie habe schon als Kind die Fähigkeit besessen, Geister wahrzunehmen. Ab Mitte 20 vertiefte sie ihr Wissen, absolvierte Ausbildungen, zuerst in Richtung Kinesiologie, später Schamanismus.

derstandard.at/von usslar
Räuchern, Rasseln, Singen: Einblick in die schamanische Praxis.

Linhart sieht diesen nicht als Konkurrenz zur katholischen Kirche oder Psychotherapie, sondern als Ergänzung. Wird Schamanismus belächelt? "Das sind die Zyniker und Sarkasten, lauter verpatzte Romantiker", entfleucht ihr ein Lächeln. Im Endeffekt zeige das Angst, aber es gäbe keinen Grund, sich vor Schamanismus zu fürchten: "Ich überzeuge niemanden davon, wenn jemand tiefer eintauchen möchte, wird er mich finden."

Gefunden wird Linhart von immer mehr Brautpaaren. Um 660 Euro kann man sie für eine schamanische Hochzeit buchen. Linhart versteht darunter einen Akt der rituellen Verbindung zweier Menschen. "Anders als bei einer katholischen Hochzeit gestaltet das Brautpaar die Zeremonie, ich leite nur durch. So wird sie viel intensiver, auch für die Gäste."

Diese werden zu Beginn angeleitet zu meditieren, abgeräuchert und von bösen Geistern befreit. Irritiert habe aber noch keiner reagiert. Anders als bei einer herkömmlichen Trauung sitzt das Brautpaar in der Mitte eines von den Gästen gebildeten Kreises. Dass sich die Menschen heute für selbstdesignte Rituale interessieren, zeigt Linhart, dass sie neues Bewusstsein an den Tag legen. "Nach dem Motto: Ich gestalte mein Leben und bin nicht mehr Lemming."

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Runen als Werkzeug für Zukunftsprognosen.

Der Trend zur Säkularisierung zeige sich nicht nur an den steigenden Kirchenaustritten, auch die eingetragenen Katholiken sind weniger religiös, sagt Caroline Berghammer. Sie ist Religionssoziologin an der Universität Wien. Ihren Forschungen zufolge gehen die Menschen immer seltener in die Kirche. Zwischen religiös und nichtreligiös gebe es aber noch einen Zwischenschritt, der in der englischen Fachliteratur als "fuzzy", also schwammig bezeichnet wird. In diese Kategorie fallen Menschen, die an eine nicht klar definierte höhere Macht glauben, die allen Weltreligionen, aber auch Talismanen, Horoskopen oder Esoterik offen gegenüberstehen. Sie geben an, eine eigene Art der Kommunikation mit Gott zu haben. Sie meditieren oder suchen Spiritualität in Yoga. Religion prägt ihren Alltag aber nicht. Dieser Typ findet sich laut Berghammer sowohl unter eingetragenen Katholiken als auch unter Konfessionslosen. Nur rund ein Drittel der Letzteren bezeichnet sich selbst als atheistisch.

Einer, der von der neuen Einstellung zur Kirche profitiert, ist James Houston. Der 47-jährige Enkel eines britischen Besatzungssoldaten und einer Meidlinger Großmutter arbeitet seit acht Jahren als freier Redner, hat sich auf Trauerreden spezialisiert, für die er je 250 Euro verlangt. Houston beschäftigt in seiner Firma Callas in Wien acht Mitarbeiter. An diese hat er spezielle Anforderungen: Ein Trauerredner müsse nicht nur mit unterschiedlichsten Menschen, sondern einem ganzen Spektrum an Emotionen - von Aggressivität bis Apathie - umgehen können. Stimme, Gestik, Mimik und der persönliche Bezug zu Trauer seien ebenfalls wichtige Eigenschaften. Man müsse auch wissen, was man fragen muss, um den Verstorbenen kennenzulernen, und zwischen den Zeilen lesen können.

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James Houston.

Die Vorbereitung auf eine Trauerrede sei "schwere Arbeit", sagt der stattliche Mann mit der tiefen, weichen Stimme. Seine Aufgabe sieht er darin, Erinnerungen wachzurufen, den Toten zu würdigen. Was hilft den Leuten in dieser Situation? Welche Themen darf ich ansprechen? Nach über 3000 Reden sei er routiniert. Als Gedächtnisstütze dient ein Zettel im A5-Format, auf dem er die wichtigsten Daten notiert und den er in einer schlichten schwarzen Mappe mit sich trägt. Mit unerwarteten Situationen könne er gut umgehen. Klingelnde Handys baue er in seinen Redefluss ein: "Man kann dem Verstorbenen nicht mehr sagen, was man sagen möchte, man kann ihn nicht mehr anrufen." Wenn Hinterbliebene während der Rede zusammenbrechen, dann bringe ihn das aber noch heute aus der Fassung.

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Trauerredner.

Houston sieht einen Trend in Richtung individualisierter und ritualisierter Feiern. Noch fehle es den Leuten aber an Mut; sie fragten sich, ob das auch den Gästen gefallen würde. Der finanzielle Aspekt spiele ebenfalls eine Rolle. Der leidenschaftliche Trauerredner würde sich aber mehr Rituale wünschen. "Wenn ich jemanden verabschiede, der mich 40 Jahre durchs Leben begleitet hat, sollte ich mich nicht nur berieseln lassen." Er findet an minutiös geplanten und pompösen Feierlichkeiten mit musikalischen Einlagen, Lichtshows und Nebelmaschinen ebenso Gefallen wie an "sanften Ritualen". So bietet er an, mit den Hinterbliebenen eine Kerze anzuzünden und diese zum Sarg zu tragen, bevor seine Rede beginnt. Die steigende Nachfrage nach freien Rednern begründet er mit dem Wunsch nach Mitgestaltung. Priester würden sich oft weigern, persönliche Worte zu sprechen oder das Lieblingslied des Toten abzuspielen. Stattdessen sprechen sie eine fünfminütige Einsegnung voller Floskeln. Diese "Massenabfertigung" passiere vor allem in der Stadt.

Religionssoziologin Berghammer sieht noch einen anderen Grund für die zunehmende Abwendung von der Kirche: "Wir kommen immer seltener in Situationen, in welchen selbstständiges Handeln nicht möglich ist: Ein unerfüllter Kinderwunsch führt uns heute zum Arzt, früher ging man in die Kirche, um für eine Schwangerschaft zu beten."

Priester in bunten Kleidern

Doch auch Gewohnheit spiele eine Rolle, sagt Berghammer. Wer die Kirche und ihre Rituale nicht kennt, empfindet die Priester "in bunten Kleidern", Symbole und Sprache als befremdlich. Eine Frau habe ihr von ihrem ersten Besuch in einer Kirche erzählt: "Ich habe einen Mann auf einem Kreuz hängen sehen - das kann ich meinen Kindern nicht zumuten." Menschen, die austreten, machen oft eine Reihe negativer Erfahrungen mit der Kirche. Irgendwann läuft das Fass über. Auslöser kann der Brief sein, der an die Kirchensteuer erinnert. Auf diesen Trend reagiert die Kirche mit dem Angebot schlichterer Segnungsfeiern.

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Alternative Zeremonien finden immer mehr Anklang.

Bis in die 1980er-Jahre war bei Begräbnissen der römisch-katholische Ritus üblich. Die Art der Bestattungen habe sich aber aufgrund der zunehmenden kulturellen Diversität geändert, sagt Peter Holeczek, Leiter des Kundenservice bei der Bestattung Wien. Er habe auch schon orthodoxe, muslimische, mormonische, schamanische und konfessionslose Feiern organisiert. Menschen äußerten immer öfter alternative Wünsche: Sie wollen die Urne mit nach Hause nehmen, sie in einem Garten beisetzen oder die Asche des Toten verstreuen. Da Letzteres in Österreich nicht erlaubt ist, weiche man dazu ins Ausland aus. Einmal habe jemand den rechtlich unerfüllbaren Wunsch geäußert, die Urne im Hanappi-Stadion beizusetzen, erzählt Holeczek.

Bei Schamanin Linhart heißen Begräbnisse Lichterfeiern. Die Gäste kommen in bunter Kleidung, erzählen lustige Anekdoten und singen viel: "Für uns ist es traurig, wenn wir den Menschen nicht mehr bei uns haben, für die Seele ist der Tod eine Erlösung." (Christa Minkin, Rosa Winkler-Hermaden, DER STANDARD, 31.10./1.11./2.11.2014)