Polar M400 im Test: High End für die Mittelklasse

Blog29. Oktober 2014, 05:30
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Knapp vor Beginn des Weihnachtsgeschäfts bringt Polar die "kleine Schwester" der V800 auf den Markt

Natürlich gibt es auch die Analyse des Meisters: DC Rainmaker hat das Ding nämlich gehabt. Ende September veröffentlichte der vermutlich kompetenteste Laufcomputer-Blogger von überhaupt seinen Testbericht zu jener Laufuhr, mit der Polar im preislichen Mittelfeld Boden gutmachen möchte: Die M400, die kleine Schwester der im Frühjahr mit Verspätung und etlichen Bugs auf den Markt gebrachten V800, will den Normalo-Sportler erreichen. Auf der einen Seite, ohne ihn (oder sie) finanziell zu überfordern. Auf der anderen aber auch, ohne auf allzu viele Features zu verzichten, mit denen die V800 (seit der Eliminierung fast aller Startschwachpunkte) punktet. DC Rainmakers Review finden Sie hier.

Ende September fragte mich Polar-Österreich-Sprecherin Julia Fuchs, ob ich nicht Lust auf die M400 hätte. "Die Uhr ist praktisch schon am Weg zu dir", schrieb sie zwei Tage später - und ich stand vor einem Dilemma: Zum einen kann und will ich nicht mit der Expertise von Rainmaker konkurrieren. Zum anderen bin ich mit meiner Uhr mittlerweile wirklich happy - und weiß, was passiert, wenn man von oben nach unten testet: Ich bin die (für meine Bedürfnisse überzüchteten) Features und die Verspieltheiten der V800 mittlerweile so gewohnt, dass mir alles, was für die "kleinere" M400 abgespeckt oder eingespart sein könnte, als Manko vorkommen würde.

foto: privat

Also kam Helena zum Zug. Helena ist eine meiner liebsten Laufkumpaninnen. Wir sind im Vorjahr in Berlin zusammen gelaufen – und werden diese Woche in New York gemeinsam an den Start gehen. Helena wird wohl vor mir im Ziel sein. (Falls ich durchkomme. Andere Story.)

Bisher lief sie mit der RCX3 (ebenfalls von Polar). Wie es der Zufall will, fragte sie ein paar Tage bevor Fuchs zum Testen einlud, ob ich schon irgendwas über die M400 gehört hätte: Die V800 sei ihr zu teuer und überzüchtet – aber der externe GPS-Dongle der RCX3 gehe ihr mittlerweile ziemlich auf die Nerven.

Die Uhr kam bei mir an, und ich reichte das Paket ungeöffnet weiter. Im Wortsinn: durch die U-Bahn-Tür. Helena dürfte das Packerl sofort geöffnet haben, denn die erste Reaktion traf Minuten später bei mir ein. Via Facebook-Chat.

foto: privat

Auf den ersten Blick mag das kleinlich klingen. Aber Größe IST ein Faktor: So wie viele Männer ihre Sportuhren als Status- oder Zugehörigkeitssymbol im Alltag tragen, gibt es auch Frauen, die das gerne tun würden. Das Argument, dass es darum nicht geht, zieht nur bedingt: Jeder (und jede) weiß, dass wir da mit Zeug herumfuhrwerken, das wir nicht brauchen. Das aber Spaß machen soll: Wir kaufen – und zeigen – Prestige- und Lifestyleprodukte. Frauen wollen das genauso können.

Aber natürlich geht es dann sehr rasch um Wesentlicheres. Und so kam nach ein paar Tagen der erste Zwischenbericht: "Prinzipiell bin ich echt zufrieden. Das GPS wird superschnell gefunden, und man sieht den Fortschritt (der GPS-Suche, Anm.) in einer Prozentanzeige. Dass es (das GPS-Dingsbums, Anm.) nicht mehr extra ist, ist für mich echt super, da ich in meinem Tascherl sowieso immer viel zu viel mitnehme und daher der Platz rar ist."

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Aber trotzdem. Der Wermutstropfen wirkte noch: "Klobig ist sie halt schon, vor allem für schmale Frauenhandgelenke. Das Bandl steht ziemlich weg, da es mir einfach zu lang ist. Außerdem ist es steifer als das der RCX 3. Sollte man sie wirklich ununterbrochen tragen, wird sie unangenehm. Ich habe mir daher auch schwergetan, sie den ganzen Tag oben zu lassen. An die Nacht war nicht zu denken – daher habe ich auch das Schlafverhalten noch nicht getestet: Das Band ist nämlich so breit, dass ich nach ein paar Stunden total schwitze drunter und es zu jucken anfängt …"

Moment: Schlaf? Ach ja: So wie die V800 auch ist die M400 neben der Sportuhr ein Activitytracker. Der implementierte Bewegungssensor misst Bewegungen, erkennt Ruhephasen – und zählt Schritte. Und das ziemlich gut. Wenn man zu lange unbewegt sitzt, gibt es Alarmsignale. Leistungssportler schätzen dieses Feature angeblich, weil sie so auch in den Pausen Aktivitäten (und Erholung) messen können. Couchpotatos und Schreibtischmenschen kann so ein Ding zu mehr Bewegung animieren. Allerdings reicht da eines der einfachen Activity-Armbänder, die es von zahllosen Herstellern gibt.

foto: privat

Mich hatte ja eher irritiert, dass man diese Funktion nicht abschalten kann. Und man nicht verhindern kann, dass die Daten hochgeladen werden. Inklusive Analyse. Helena ist pragmatischer: Dass Daten ständig gesammelt und verwertet würden, sei heute Normalität. Meist würden wir es gar nicht mitbekommen.

Aber das sei hier und jetzt nicht Thema: "Als Aktivitätstracker ist sie für Hobbysportler auch super, wir brauchen das halt nicht. Nach einen Dreistundenlauf hat sie fast 500 Prozent der erforderlichen Tagesaktivität angezeigt und auch nach den kurzen Läufen fast jeweils 200 Prozent. An Ruhetagen bin ich dafür nur knapp über 50 Prozent gekommen. Also eher weniger sinnvoll, aber auch mal spannend, das mitzutracken."

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Helena verwendete die Uhr ohnehin anders: beim Laufen. Und fand da nichts auszusetzen. Im Gegenteil: "Vom Display her: top! Super lesbar – und ich musste nicht mal an den Einstellungen etwas ändern, da sie genau das auf einen Blick anzeigt, was ich ständig brauche: Km, Pace, Hf. und Zeit." Dann kam ein kleines Lob, das aber auch wieder Wehmut in sich trug: "Dass man im Nicht-Sport-Modus die Anzeige der Uhrzeit ändern kann, ist eine nette Spielerei. So ist sie halt auch echt alltagstauglich – zumindest für Männer."

Dann folgte die Bewertung der Sport-Features: "GPS kommt mir sehr genau vor und auch die automatische Rundennehmung ist praktisch." Freilich: Bugs kommen vor: "Heute - vor einem Wettkampf - hat sie sich leider aufgehängt. Und ich habe nicht herausgefunden, wie man sie zurücksetzt." Ein bisserl Herumspielen löste das Problem dann zwar - aber unmittelbar vor einem Start macht das nicht wirklich Spaß.

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Eine von Polar gerne beworbene Funktion scheint der Testerin dafür wenig sinnvoll: "Die Zielzeitschätzung ist nicht so meins, da die Uhr dann nur die Zielzeit, die verbleibenden Kilometer und die Pace anzeigt - ich bräuchte aber natürlich schon auch den Puls dazu." Irgendwo, in den Tiefen der Gebrauchsanweisungen, findet sich dann zwar auch ein Hinweis, wie man - etwas umständlich - zu dieser Anzeige kommt. Aber da die Uhr sonst eigentlich selbsterklärend ist, wirkt das wie ein Fehler. Erst recht, weil es logisch scheint, im Laufe eines Wettkampfes (oder einer so gemessenen Aktivität) auch den eigenen Puls stets präsent zu haben.

Wobei Zielzeitberechnungen gerade in Wettkämpfen von Jedermannathleten ohnehin mit Vorsicht zu genießen sind. Ich selbst verwende sie nie. Und mein Freund Christoph sagt, da "lustige" Überraschungen erlebt zu haben: Die Uhr geht von der vorab eingegebenen Strecke aus, bloß läuft man in einem Feld halt meistens ein bisserl mehr. Weil niemand einen ganzen Marathon lang auf der Ideallinie bleiben kann. "Das sind mitunter Abweichungen von über einem halben Kilometer."

Helena war aber insgesamt trotzdem begeistert: "Ich würde sie mir kaufen. Erstens, weil das GPS integriert ist. Und weil ich das Synchronisieren mit Polar Flow super finde. Ich finde auch Auswertungen total beeindruckend – hier kann man am iPhone so wie am Laptop genau nachsehen, wann man bei welchem Puls wie schnell war."

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Lob für "Polar Flow" dürfte Balsam auf die Wunden des finnischen Konzerns sein: Als "Flow" mit der V800 richtig lostraten, war da wenig Euphorie bei den Nutzern zu sehen: Wieso man von er alten, aber funktionierenden Polar-Personaltrainer-Webseite weggehen sollte, verstand kaum jemand. Noch dazu, wo man Daten zwischen den beiden Plattformen nicht migrieren konnte und Polar generell das Exportieren (also auch das Teilen in sozialen Netzen) von Trainingsdaten aus "Flow" nicht zuließ.

Der Export funktioniert mittlerweile. Und die Übertragung von der Uhr viel Bluetooth auf Smartphones funktioniert tatsächlich ebenso reibungs- und klaglos, wie der von der Uhr auf den großen Rechner und dann Server: Ohne Netzanbindung funktioniert allerdings nur die "kleine" Variante. Wer also mit dem laptop und der Uhr am Berg oder sonstwo im datenempfansgfreien Raum unterwegs ist, tut gut daran, ein bluetoothfähige Smartphone dabei zu haben.

Und einen externen Batterieblock oder ein Solarladegerät für Handy und Uhr: Als Helena unlängst mit Freunden in Griechenland den Olymp erklomm, scheiterte die Dokumentation an den Akkulaufzeiten der Uhr: Das GPS saugt die Batterie in etwa acht Stunden aus - bei einer zweitägigen Bergwanderung ein echtes Problem: "Mittracken werd ich nicht, da das die Batterie nicht schafft."

foto: privat

Der wahre Leistungstest steht der Uhr allerdings erst bevor: Am Sonntag wird Helena mit diesem Wecker ihren Lauf in New York tracken. Und dann vermutlich von einer Funktion schwärmen, die meine V800 nicht hat. Die M400 weiß, was Hobbyläufer gerne hören, und hat eine "PB"-Funktion: Individuelle Best- und Rekordmarken, egal ob sie auf Zeit, Tempo oder Distanz fußen, werden extra hervorgehoben. So etwas freut, motiviert und macht Lust auf mehr.

Aber darüber werden wir wohl erst in ein paar Wochen nachdenken. Wenn wir uns neue Ziele suchen. Aber das ist eine andere Geschichte. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 29.10.2014)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testgerät wurde für einen begrenzten Zeitraum von Polar zur Verfügung gestellt.

Polar

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