Erfindergeist spricht Mandarin

28. Oktober 2014, 14:39
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Welche Unternehmen geben am meisten für Forschung aus? Eine Studie hat die Ergebnisse aus 1000 Konzernbilanzen zusammengetragen - und kommt zu dem Ergebnis, dass sich vor allem in China einiges tut

Wien - Vor zehn Jahren war die Welt noch überschaubar. Als das Beratungsunternehmen "Strategy&" 2005 zum ersten Mal einen Überblick über die 1000 innovativsten Unternehmen der Welt erstellte, fanden sich im Ranking fast ausschließlich Firmen aus Nordamerika, Europa und Japan. Hier gaben Konzerne im Jahr das meiste Geld für Forschung und Entwicklung aus. Lediglich acht Firmen aus China schafften es damals unter die Top 1000.

Die Ergebnisse des am Dienstag vorgestellten Rankings lesen sich doch schon anders. Die Gruppe der Topp 20 dominieren zwar immer noch Unternehmen aus Europa und Nordamerika. Unter den 1000 Firmen mit den höchsten Forschungsausgaben finden sich inzwischen aber 114 chinesische Konzerne. Auch aus Brasilien und Indien drängen immer mehr Player nach. Im Gegensatz dazu hat die Zahl der US-Unternehmen in der Gruppe um rund ein Drittel auf unter 400 abgenommen. Ebenso drastisch war der Absturz bei der Zahl der japanischen Konzerne, während die Zahl der europäischen Vertreter gestiegen ist.

Das Ranking selbst wird seit zehn Jahren nach dem gleichen Prinzip erstellt: Das britische Unternehmen "Strategy&", das zur PricewaterhouseCoopers-Gruppe gehört, sieht sich die Bilanzen der weltweit größten Unternehmen an und erstellt dann eine Liste mit jenen 1000 Firmen, die am meisten für Innovation ausgeben. Die tausend größten Konzerne investieren 2014 insgesamt 647 Milliarden US-Dollar (509 Milliarden Euro) in Forschung und Entwicklung, 2013 waren es 638 Milliarden.

Auf Platz eins schafft es auch 2014 der Automobilkonzern Volkswagen - auf rund 13,5 Milliarden Dollar belaufen sich die Innovationsausgaben pro Jahr laut Bilanz. Auf Platz zwei kommt der Elektronikkonzern Samsung (Südkorea), auf Platz drei Intel (USA). Unter den Top 20 dominieren Elektronik und IT, Automobil und die Pharmabranche.

Auto, IT und Pharma

Etwas anders sehen die Ergebnisse aus, wenn man sie in Relation zum Umsatz setzt. Dann liegt Intel klar voran, das Unternehmen steckt nach eigenen Angaben ein Fünftel seiner Erlöse in Forschung (bei VW sind es nur 5,2 Prozent).

Interessant ist, wie sich die Forschungsausgaben entwickelt haben. Laut Klaus Hölbling, Partner bei "Strategy&" stiegen die Investitionen der Unternehmen zwar auch 2014 an (plus 1,4 Prozent). Allerdings ist dieser Wert im Vergleich der vergangenen zehn Jahre eher schwach. Nur von 2009 auf 2010 war die Entwicklung noch schlechter, damals gaben die Unternehmen krisenbedingt sogar weniger für Forschung aus. Im Schnitt stiegen die Ausgaben der Firmen für Entwicklung seit 2005 jährlich um 5,5 Prozent an.

Gemessen am Firmenumsatz liegen die Ausgaben für Neuentwicklungen konstant bei rund 3,5 Prozent.

Der interessanteste Aspekt der Entwicklung in den vergangenen Jahren war der rasante Anstieg bei der Zahl chinesischer Unternehmen, sagt Hölbling. Besonders, da als "chinesische" Firmen nur jene gelten, deren Zentrale in China liegt wie etwa PetroChina, China Railway Group oder Lenovo. Europäische und US-amerikanische Unternehmen, die nur in China für den Weltmarkt produzieren lassen, sind nicht mitgezählt.

Und: Nicht nur die Zahl der chinesischen Firmen steigt in den Top 1000 an. Chinas Konzerne geben jedes Jahr auch deutlich mehr für Forschung aus als die Konkurrenz. Von 2013 auf 2014 stiegen ihre Budgets für neue Technologien um 50 Prozent an.

Vier Ösis mit dabei

Aus Österreich haben es erstmals vier Konzerne unter die Top 1000 geschafft. Neben der Voest, Andritz und dem Leuchtenhersteller Zumtobel ist nun auch der Chip- und Sensorhersteller AMS in der Liste vertreten. Zum Vergleich: Im Ranking finden sich 45 Firmen aus Deutschland.

Doch gibt es auch kritische Stimmen, die die Aussagekraft der Untersuchung eher als gering einstufen. "Es gibt keine strengen Regeln darüber, was ein Unternehmen alles als Forschungsausgabe in der Bilanz verbuchen kann", sagt etwa der deutsche Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer im Standard-Gespräch.

Wenn ein Pkw-Hersteller zum Beispiel neben einem rotlackierten plötzlich auch einen grünlackierten Rückspiegel anbietet, stehe es dem Konzern frei damit verbundene Mehrausgaben (für Lacktests) als Forschungsausgabe zu verbuchen. "Auch wenn das sicher nichts mit Innovation zu tun hat", so Dudenhöffer. Eine wirkliche Vergleichbarkeit der Zahlen sei also etwa im Autosektor gar nicht gegeben, weil manche Unternehmen Spielräume exzessiv ausnutzen und andere nicht.

Bemerkenswert an der Untersuchung ist jedenfalls auch eine beigefügte Befragung darüber, welche Unternehmen am innovativsten empfunden werden. Hier zeigt sich eine große Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität: Die 500 befragten Unternehmensmanager votierten mehrheitlich für Apple, auf Platz zwei kam Google. Tatsächlich kommt Google laut Ranking aber nur auf Rang neun bei den Forschungsausgaben. Apple ist nicht einmal unter den Top 20 vertreten. (András Szigetvari, DER STANDARD, 29.10.2014)

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    foto: apa, strategy&
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