iPad Air 2 im WebStandard-Test

Test30. Oktober 2014, 08:28
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Apple hat an der jüngsten Generation viel feingetunt, aber nicht alles überzeugt

Im Jänner 2010 hob Apple die Welt der Computer und Laptops aus den Angeln. Mit dem iPad gelang es dem Unternehmen, Tablets aus der Nische für Geschäftsanwendungen und Außendienstmitarbeiter nach Hause auf die Couch zu holen. Vor allem die kleineren, schwachen Netbooks waren schnell kannibalisiert, zahlreiche Konkurrenten folgten Apple auf dem Fuß. Auch fast fünf Jahre später wächst der Markt noch, allerdings verhaltener als zuvor. Smartphones mit Display-Größen um die 6 Zoll greifen das Territorium der Tablets von der einen Seite an, ultraleichte, stärkere Laptops von der anderen. Nun hat der Marktführer mit dem iPad Air 2 nachgelegt. Was es an Neuerungen mitbringt und was gleich geblieben ist, hat der WebStandard näher unter die Lupe genommen.

foto: standard/riegler
Katzen können sich in die unmöglichsten Richtungen verbiegen, um in die Box zu passen. Beim iPad Air 2 sollte man aber vorsichtiger sein (Stichwort "Bendgate").

Gewicht

Über das erste iPad aus dem Jahr 2010 erwähnte DER STANDARD damals im Test "mit 680 Gramm nicht schwerer als ein Hardcover-Buch, dafür dünner (1,25 cm)" als positive Eigenschaft. Im Jahr 2014 wären diese Maße schon ein No-Go für das Gadget. Das iPad Air 2 ist nur mehr 0,61 cm dünn – weniger als die Hälfte des Originalgeräts – und wiegt nur mehr rund 440 Gramm (exakter: 437 Gramm die WLAN-only-Version, 444 Gramm die 4G-Version).

foto: standard/riegler
Das bisher flachste und leichteste 9,7-Zoll-iPad.

Dadurch liegt das iPad Air 2 äußerst leicht in der Hand und ermöglicht auch das einhändige Halten ohne rasche Ermüdungserscheinungen. Die Federgewichtsklasse muss sich Apple aber mit der Konkurrenz teilen. Das ebenfalls neu vorgestellte Nexus 9 von Google bringt mit 425 bzw. 436 Gramm (4G) eine Spur weniger auf die Waage, besitzt aber auch ein etwas kleineres Display (8,9 Zoll). Das ebenfalls 8,9 Zoll große Amazon-Modelle Kindle Fire HDX 8.9 kommt auf nur 374 bzw. 378 Gramm. Ebenfalls superleicht: Sonys 10-Zöller Xperia Z2 mit 426 bzw. 439 Gramm (4G).

Display

An der Display-Größe von 9,7 Zoll hat Apple seit dem ersten Modell nichts verändert. Auch bei der Auflösung hat Apple zumindest im Vergleich zum direkten Vorgänger nicht geschraubt – das Air 2 kommt auf 2.048 x 1.536 Pixel, was eine Pixeldichte von 264 ppi ergibt. Apples "Retina" genannte Auflösung wurde von der Konkurrenz schon länger überholt. (Wenngleich es nur eine schwammige Definition für diesen Marketingbegriff gibt – so viele Pixel, dass sie aus normalem Betrachtungsabstand nicht mehr für das menschliche Auge erkennbar sind. Auch der neue iMac besitzt mit 217 ppi ein Retina-Display.) Amazons Kindle Fire HDX 8.9 bietet etwa eine Pixeldichte von 339 ppi.

foto: standard/riegler
Auch das iPad Air 2 ist mit einem sehr guten Display ausgestattet.

Das Messen von Pixeldichten ist ab einer gewissen Auflösung jedoch mehr ein Kräftemessen der Hersteller. Denn wenn man ab einer gewissen Pixeldichte keine einzelnen Bildpunkte mehr sieht, ist es für den Betrachter relativ egal, wie viele davon er nicht sieht. Das iPad Air 2 bietet jedenfalls ein hervorragendes, scharfes Display mit dem üblich hohen Betrachtungswinkel und leuchtenden Farben. Laut Apple soll es dank einer neuen Beschichtung besser lesbar sein, das Unternehmen spricht gar vom "reflexionsärmsten aller Tablets weltweit". Das Versprechen im Praxistest: Auch das iPad Air 2 spiegelt weiterhin recht stark, allerdings fällt die Spiegelung ein wenig dunkler und dadurch etwas weniger störend aus. Bei – derzeit eher rar auftretendem – direktem Sonnenlicht hilft das dennoch nicht viel. Hier bleibt der Bildschirm schlecht lesbar.

Design

Das Design hat sich im Vergleich zum ersten iPad Air minimal verändert. Den zusätzlichen Button zum Stummschalten bzw. zur Sperre der Display-Drehung gibt es nicht mehr. Stattdessen muss man nun die Leiser-Taste etwas länger gedrückt halten, um den Ton abzuschalten. Die Display-Ausrichtung lässt sich über das Menü für Schnelleinstellungen sperren oder freigeben – dazu muss man vom unteren Bildschirmrand mit dem Finger hinaufwischen. Diese Entscheidung mag mit dem Design zu tun haben, der Benutzerfreundlichkeit ist sie nicht zuträglich.

foto: standard/riegler
Am iPad Air 2 gibt es keine eigene Taste mehr zum Stummschalten bzw. zur Sperre der Display-Ausrichtung.

Ansonsten zeigt sich Apple-typische Designsprache: abgerundete Kanten, ein Gehäuse aus einem einzigen Stück Aluminium und – neu für iPads – nun auch in der Farbvariante Gold. Bei der 4G-Version sitzt an der oberen Gehäusekante eine Kunststoffabdeckung, die das klare Design etwas stört.

foto: standard/riegler
Ja, das iPad Air 2 lässt sich etwas biegen – das ist dem dünnen Aluminiumgehäuse geschuldet.

Eine Anmerkung zu "Bendgate", das laut Berichten auch das iPad Air 2 heimsuchen soll. Durch leichten Druck mit den Daumen zeigt sich, dass die Rückseite tatsächlich etwas nachgibt. Das ist wohl der Preis für das dünne Aluminumgehäuse. Das Tablet fühlt sich insgesamt dennoch solide und hochwertig verarbeitet an. Generell sollten solche Geräte nun auch nicht gerade als Sitzunterlage dienen und unterwegs nicht unbedingt ganz unten in der schweren Einkaufstasche transportiert werden. Wer dennoch darauf besteht, muss mit Schäden rechnen.

Leistung

Wo beim Gehäuse nochmals ein Alzerl weggeschnitzt wurde, hat Apple bei der Performance des Tablets nachgelegt. Der neue A8X-Prozessor mit 64-Bit-Architektur bringt nach Herstellerangaben eine 40 Prozent höhere CPU-Leistung und eine 2,5-mal schnellere Grafik-Performance. Dass das Air 2 mit seiner Tri-Core-CPU und 2 GB RAM das mit Abstand schnellste iOS-Gerät auf dem Markt ist, haben schon zuvor Benchmark-Tests von Geekbench gezeigt.

Die Testergebnisse spiegeln sich auch in der tatsächlichen Nutzung wider. Das neue Apple-Tablets ist schnell, Websites sind innerhalb kürzester Zeit aufgebaut, Apps starten ohne Verzögerung, die Bedienung ist flüssig. Vor allem bei Spielen und Video- bzw. Fotobearbeitung kann das Air 2 dank schnellerer Grafik seine Talente ausspielen. Games und Apps, die den A8X-Chip voll ausnützen, dürften jedoch erst in den kommenden Monaten erscheinen.

Schneller ist auch das WLAN, das nun den Standard 802.11ac unterstützt. Weitere Verbindungsmöglichkeiten: Bluetooth 4.0, LTE sowie ein Lightning-Anschluss zum Aufladen und zur Datenübertragung per USB-Kabel. Was weiterhin fehlt: die Möglichkeit zur Speichererweiterung über Speicherkarten. So muss man sich beim Kauf zwischen 16, 64 und 128 GB entscheiden. NFC ist mittlerweile zwar an Bord, lässt sich aber nur mit Apples Bezahlfunktion Apple Pay nutzen, die hierzulande noch nicht verfügbar ist.

Fingerabdrucksensor

Ebenfalls neu: im Homebutton befindet sich nun wie seit dem iPhone 5S gleichzeitig der Touch-ID genannte Fingerabdrucksensor. Nutzer können damit die Codeeingabe zum Entsperren des Geräts ersetzen und im App und iTunes Store einkaufen. Seit iOS 8 können Entwickler den Sensor auch für ihre eigenen Apps nutzen.

foto: standard/riegler
Im Homebutton ist ein Fingerabdrucksensor integriert.

Wie jedoch schon zur Einführung von Touch-ID mit dem iPhone 5S angemerkt: Der Sensor mag zwar mehr Komfort bringen, die Sicherheit wird aber nur bedingt erhöht, da er sich austricksen lässt.

SIM-Karte

Eine Neuerung, die das Potenzial hat, die Mobilfunkbranche umzukrempeln, ist Apples programmierbare SIM-Karte, die das Unternehmen mit dem iPad Air 2 und dem Mini 3 einführt. Die Idee: Der Nutzer kann über die Software selbst zwischen den Anbietern wechseln. Praktisch etwa beim Verreisen, wo man statt Roaming oder SIM-Karten-Tausch einfach auf einen lokalen Anbieter wechseln kann. Die Mobilfunker spielen jedoch nicht so mit, wie man sich das in Cupertino wünschen würde, denn die wollen ihre Kunden bei sich behalten.

So wird die Apple SIM derzeit nur in den USA und Großbritannien bei den Anbietern AT&T, Sprint, & T-Mobile sowie der britischen EE unterstützt. Und auch dort stößt das Konzept auf Hindernisse. Denn ist die SIM einmal bei AT&T aktiviert, kann nachher nicht mehr gewechselt werden, wie aus einem Support-Artikel von Apple hervorgeht. Sprint und T-Mobile lassen den späteren Wechsel zu. Außerdem: wenn das iPad bei einem Mobilfunker gekauft wird, ist die Apple SIM auf diesen Anbieter gesperrt. Nur beim Kauf über den Apple Store oder einen anderen Händler ist die Karte frei programmierbar.

In Österreich hat "3" bereits abgelehnt. A1 wollte keinen Kommentar dazu abgeben, bei T-Mobile "gibt es derzeit keine Pläne". Die T-Mobile-Mutter Deutsche Telekom ist in Deutschland jedenfalls dagegen.

Kameras

Wenig Neues gibt es bei den Kameras zu berichten. Die Kamera auf der Vorderseite (FaceTime) bietet weiterhin 1,2 Megapixel und 720p-Videoaufnahmen. Die Hauptkamera auf der Rückseite (iSight) ist von 5 auf 8 Megapixel aufgestockt worden und verfügt nun auch über eine Serienbildfunktion und Zeitlupenaufnahme. Weitere neue Features wie mehr Bearbeitungsmöglichkeiten und Zeitrafferaufnahmen bringt iOS 8, das auch für ältere iPad-Modelle zur Verfügung steht.

foto: standard/riegler
Links die Aufnahme mit der Hauptkamera, rechts die Frontaufnahme.

Die Kameras liefern (für Tablets) akzeptable Schnappschüsse in heller Umgebung. Bei schlechten Lichtverhältnissen fällt das Ergebnis erwartungsgemäß weniger zufriedenstellend aus - starkes Bildrauschen, unscharfe Konturen. (Die Original-Aufnahmen zu den oben verkleinerten Beispielfotos bei diesigem Nachmittagslicht stehen hier und hier zur Verfügung.)

Akkulaufzeit

Apple gibt für das iPad Air 2 eine Laufzeit von bis zu zehn Stunden für Websurfen über WLAN, Musik- oder Videowiedergabe an. Beim Surfen über das mobile Datennetz sind es neun Stunden. Dabei handelt es sich um Laborangaben, das Durchhaltevermögen hängt stark von der tatsächlichen Nutzung ab. Im Test brachte es das iPad Air 2 bei durchgehender Wiedergabe eines YouTube-Videos über WLAN und 100 Prozent Display-Helligkeit auf 4 Stunden und 45 Minuten. Wird der Bildschirm gedimmt oder auf automatische Helligkeit eingestellt, kann die Nutzungsdauer deutlich erhöht werden.

Software

Auf dem Tablet läuft Apples neuestes mobiles Betriebssystem iOS 8.1. Die Plattform wurde bereits beim Test des iPhone 6/6 Plus bzw. nach dem Update auf Version 8.1 besprochen. Eine der zentralen Neuerungen sind Erweiterungen: auch am iPad kann man neue Tastaturen installieren, Bearbeitungswerkzeuge von Drittanbietern in der Fotos-App nutzen oder die Benachrichtigungszentrale um Widgets erweitern.

foto: standard/riegler
Die iPad-Version von iOS 8.1 unterscheidet sich in einigen Details von der iPhone-Version.

Auch auf die Continuity-Funktionen zwischen iOS und dem neuen OS X 10.10 Yosemite wurde bereits ausführlich im Test des Desktop-Betriebssystems eingegangen. So kann man beispielsweise am iPad richtige SMS verschicken und empfangen, sofern man auch ein iPhone mit iOS 8.1 besitzt, oder mittels Hand-off-Funktion gewisse Aktionen auf einem Gerät starten und auf einem anderen fortsetzen.

Die Unterschiede zwischen iOS am iPhone und am iPad liegen im Detail. So gibt es am iPad keinen Kompass. Bei der Weltuhr gibt es anders als am iPhone auch eine Weltkarte. Aus dem größeren Display ergeben sich auch andere Abweichungen der Benutzeroberfläche, etwa bei der Kalender-App, die zusätzlich zur Jahres-, Monats- und Wochenansicht auch eine Tagesansicht aufweist.

Was nicht verständlich ist: Die Health-App fehlt am iPad. Zwar wird man wohl kaum mit dem Tablet in der Tasche laufen gehen, die App kann jedoch auch von anderen Quellen Daten erfassen. So könnten über das iPhone oder Fitnessarmbänder gesammelte Daten an die iPad-Version übertragen und dort zur Auswertung auf dem größeren Screen besser dargestellt werden. Aber auch das Healthkit-Framework, über das die Daten anderer Apps gesammelt werden, ist derzeit iPhone-exklusiv.

Fazit

Unter den iPads ist das Air 2 bislang mit Abstand das leichteste (bei den 9,7-Zöllern), dünnste und leistungsstärkste Tablet. Wer ohnehin mit dem Gedanken spielt, sich ein neues iPad zuzulegen, wird darin ein starkes Upgrade zu früheren Modellen finden. Der Vergleich außerhalb der Apple-Welt mit Android-Modellen und Windows-Tablets fällt schwer. Denn abseits von messbaren Unterschieden wie Gewicht und Display-Auflösung liegen die größten Differenzen bei der Plattform. Ob man iOS, Android oder Windows bevorzugt, hängt zum Großteil von Sympathie für das jeweilige System ab.

Die billigste Variante (WLAN, 16 GB) kostet 489 Euro. Je nach Ausstattung legt man bis zu 809 Euro hin (LTE, 128 GB). (Birgit Riegler, derStandard.at, 30.10.2014)

Hinweis im Sinn der redaktionellen Leitlinien: das Testgerät wurde der Redaktion für einen begrenzten Zeitraum von Sales Talents zur Verfügung gestellt.

Nachlese

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